Eine Lawine aus 280 Konzerten

Bis vor wenigen Jahren war der Thurgauer Massimo Buonanno so etwas wie das Wunderkind der Schweizer Schlagzeugszene. Dank Engagements bei Seven und Gregor Meyle hat sich sein Leben zur Konzertlawine verdichtet. Rückblick auf einen wunderbaren Ausnahmezustand.

Michael Hasler
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Auftritte in 5000er-Hallen und Dauerpräsenz im Fernsehen: 2015 war für den Thurgauer Schlagzeuger Massimo Buonanno ein Superjahr. (Bild: Steffi Etter)

Auftritte in 5000er-Hallen und Dauerpräsenz im Fernsehen: 2015 war für den Thurgauer Schlagzeuger Massimo Buonanno ein Superjahr. (Bild: Steffi Etter)

Nein, ein Wunderkind ist der Thurgauer Massimo Buonanno schon lange nicht mehr. Den Status hat er vor zwei Jahren abgestreift, als das letzte grössere Interview mit ihm in dieser Zeitung erschien. Damals hatte er ein Gespräch mit Gregor Meyle vermittelt. Damals, das war ziemlich genau an Weihnachten 2013. Vier Monate später würde der bis dahin nur Kennern der Deutschen Singer-Songwriter-Szene bekannte Gregor Meyle beim von Xavier Naidoo initiierten TV-Format «Sing meinen Song» zu einem der wundersamsten Aufstiege der jüngeren deutschen Popgeschichte abheben. Meyle verkaufte seit den TV-Auftritten über eine halbe Million Tonträger, bekam seine eigene TV-Doku «Meylenweit» und zählt zu den Top 10 der erfolgreichsten Deutschen Livekünstler.

Naidoos Anruf in Schaffhausen

Die knappe Auflistung von Meyles Erfolgen braucht es, um die letzten zwei Jahre des Ostschweizers einordnen zu können. Der mittlerweile 31jährige Buonanno übte nämlich bis zu Meyles fulminantem Aufstieg im Frühling 2014 den Spagat zwischen diversen Projekten. «Ich habe vor der Zeit von Meyles und Sevens Erfolg in zahlreichen Projekten gleichzeitig mitgewirkt, so dass ich teilweise in einer Woche jeden Tag mit einem anderen Künstler gearbeitet habe.» Ein Anruf veränderte dies einschneidend. «Ich erinnere mich, wie ich im Sommer 2013 zufällig mit Meyle in Schaffhausen herumhing und mich Xavier Naidoo für sein TV-Format anfragte. Weder Gregor noch mir war bewusst, dass dies rückblickend der Startschuss für unsere Karrieren war.» Einige hundert Konzerte später scheint der Drummer dieses Interview zur überfälligen Reflexion über sein zuletzt so getriebenes Leben zu nutzen.

Im Vorprogramm von Fanta 4

Immer wieder staunt er selber über die Eckdaten, die er während des Gesprächs zusammenträgt. Dass er allein 2015 etwa 280 Konzerte spielte, will er im Abgleich mit seiner Agenda nur zögerlich glauben. «Ich habe gerade mit Seven eine Deutschlandtour im Vorprogramm der Fantastischen 4 gespielt, parallel dazu eine ausverkaufte Tournée mit Gregor Meyle. Das ist schon unglaublich.» Auch Unglaubliches hinterlässt Spuren. Buonanno sagt selbstkritisch, dass dies energetisch die absolute Grenze sei. Das Tourleben sei extrem anstrengend und Rückzug fände man nur im Bett oder am eigenen Computer. «Ich musste lernen, meine Energien noch besser einzuteilen. Ich war immer einer, der viel spielen wollte, ein leidenschaftlicher Livemusiker eben. Ich wollte immer als Musiker und nicht als Lehrer leben.» Buonanno lebt mit seiner Langzeitfreundin in einer Wohnung in Islikon, unweit von Frauenfeld. Die Thurgauer Wurzeln sind also geblieben? «Nicht unbedingt», lacht er, «das ist eher Zufall. Für mich ist es wichtig, dass ich in der Nähe des Flugplatzes Zürich wohne, weil ich so viel reisen muss».

Auch Businessmensch

Reich sei er nicht geworden, trotz der Engagements als Livemusiker und Studiomusiker in Deutschland, der Schweiz und den USA. Dennoch fühle er sich privilegiert: «Ich kann meine Rechnungen zahlen, fahre ein anständiges Auto, kann mir – wenn ich überhaupt dazu komme – Ferien leisten und habe wunderbare Jobs.» Der Erfolg hat ihn überrollt, so sehr, dass er von einer eigenen Sekretärin träumt: «Ein Tag pro Woche wäre ein Segen, aber es müsste jemand sein, der das Musikbusiness sehr gut kennt. Das ist echt nicht einfach.» Buonannos Wunsch ist kein Ausdruck von Abgehobenheit. Vielmehr verirrt er sich immer wieder im Dickicht seiner diversen Auftraggeber und schwer zu koordinierenden Doppelspurigkeiten. Die ergeben sich schon durch die Engagements bei Seven und Meyle. «Ich versuche bei beiden etwa 85 Prozent aller Konzerte spielen zu können. Ich habe jeweils einen Sub (Ersatzmusiker). Bei Meyle waren es 2015 rund 140 Konzerte, bei Seven etwa 70 Auftritte, die es abzudecken galt. Das ist organisatorisch enorm aufwendig.» Öfter mischt sich Lachen in die eigenen Schilderungen. Lachen darüber, was er da gerade durchlebt.

Keine Spur von Arroganz

Im gesamten Gespräch fehlt jene angebliche Arroganz, die ihm der eine oder andere Neider hier gerne andichtet. Verwunderlich ist der Reflex nicht, denn Buonanno ist der Ostschweiz schlicht entwachsen. «Natürlich sind St. Gallen und die Ostschweiz mein Ursprung, aber der Kontakt zur hiesigen Szene ist weniger geworden. Ich muss Anfragen immer wieder absagen und für mich durchrechnen, was ich mir leisten kann und was nicht. Als Musiker muss man für sein Geld sehr viel Zeit investieren, das vergessen viele und interpretieren es als Arroganz.» Dann und wann spielt er noch immer sehr gerne mit seinem ehemaligen Förderer Gee-K. Auch die Konzerte mit seinem Wegbegleiter, dem St. Galler Jazzpianisten Claude Diallo, sind für ihn wichtig geblieben. Obschon sie aus Termingründen rarer wurden.

Eigene Musik und eigene Band

Über Weihnachten will Buonanno ausspannen und dann bereit sein für ein wohl nicht weniger abenteuerliches 2016. «Ich werde sicher bei Gregor Meyle dabeibleiben, und auch mein Engagement bei Seven will ich unbedingt weiterführen.» Die restliche Zeit spielt er Drumshows an den grössten globalen Musikmessen für seinen Ausrüster, komponiert eigene Musik, arrangiert, produziert und arbeitet viel im Studio. «Es mag seltsam klingen, aber nur Schlagzeug spielen füllt mich nicht mehr aus. Ich will auch eigene Musik spielen und irgendwann eine Band formieren», blickt er zuversichtlich in die Zukunft. 2015 endet für ihn nach 5000er-Hallen in Deutschland und Dauer-TV-Präsenz mit einer Superlative: zum Jahreswechsel spielt er mit Gregor Meyle in Berlin beim Brandenburger Tor. Erwarteter Publikumsaufmarsch: eine Million Menschen.

Massimo Buonnano live: Jeweils mit Blizz Rythmia, 19. Februar Forum Amriswil und 29. Februar Weinlokal 1733, St. Gallen; am 6. Mai Kugl St. Gallen, Seven www.massimobuonanno.com

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