Eine Kombination, die ganz viel hergibt

Hörbar Jazz

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Counterpoints

Subway Lines, FSNT 520

Der typische

Herzschlag des Jazz

In den 1970er-Jahren begann im Jazz eine Entwicklung weg vom Swing-Feeling. Zuerst waren es binäre Rock-Beats, dann wurden ungerade Metren zum letzten Schrei (je komplizierter, desto besser). Wer am Swing festhält, gilt in gewissen Kreisen als altmodisch – dabei ist der Swing der typische Herzschlag des Jazz. Swing lässt sich nicht leicht beschreiben, dafür fühlt man ihn sofort: Es handelt sich um eine Art ungleichmässige Gleichmässigkeit, die den Körper in Mikroschwingungen versetzt. Um eine subtil swingende Gruppe handelt es sich bei Counterpoints, die von den Tenorsaxofonisten Christoph Irniger und Ohad Talmor geleitet und von Bänz Oester (Bass) und Vinnie Sperrazza (Schlagzeug) vervollständigt wird. Irniger und Talmor wandeln auf den Spuren der «Saxofon-Zwillinge» Lee Konitz und Warne Marsh: Das hört man auch daran, dass sie simultan improvisieren und damit eine freigeistige Form von Kontrapunktik pflegen. Kommt hinzu, dass etliche Stücke auf berühmten Standards basieren.

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Vinnie Sperrazza

Juxtaposition, Posi-Tone PR8162

Dass er nicht nur ein hervorragender Schlagzeuger mit einem Faible für ungekünstelt swingende Grooves, sondern auch ein Bandleader mit interessanten Ideen ist, beweist Vinnie Sperrazza mit einem neuen Quartett-Album, für das er fast alle Stücke selber geschrieben hat. So richtig spannend wird es auch hier erst bei der Besetzung der Band, geht es doch im Jazz in erster Linie um das Wie und nicht um das Was. Mit Pianist Bruce Barth und Tenorsaxofonisten Chris Speed hat Sperrazza zwei Musiker in seine Band geholt, die bisher zu unterschiedlichen Lagern gezählt wurden und die zeigen dürfen, dass die Kombination von Mainstream und Avantgarde ganz viel hergibt, wenn man ohne Scheuklappen aufeinander zugeht.

Tom Gsteiger