«Eine Jesus-ähnliche Mission»

«So geht das», würde Privatdetektiv Philip Maloney nach der ersten «Tatwort»-Veranstaltung genüsslich urteilen. Denn die Premiere der St. Galler Lesebühne am Sonntagabend in der Baracca Bar übertraf, was sie versprach.

Michael Hasler
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«Tatwort» in der Baracca Bar mit Ralph Weibel, Etrit Hasler, Richi Küttel und Gast Markim Pause (von links). (Bild: Michel Canonica)

«Tatwort» in der Baracca Bar mit Ralph Weibel, Etrit Hasler, Richi Küttel und Gast Markim Pause (von links). (Bild: Michel Canonica)

Sonntagabend und die über Jahre hinweg nicht eben für literarische Höhenflüge und kulturelle Trouvaillen bekannte Baracca Bar ist mit mehr als 100 Gästen so unverschämt gut besucht, dass an einen Sitzplan schon eine Viertelstunde vor der ersten «Tatwort»-Folge gar nicht erst zu denken ist. Von gut 20 bis knapp 60 durchmischt sich das Publikum launig, von Wortlaut-Literaten bis interessierten Barbesuchern, von Slam-Anhängern bis hin zu Krimifans.

Kriminelle Eröffnung

Kurz nach 20 Uhr schliesslich unterbricht die bekannte Tatort-Titelmusik die fiebrigen Gespräche des Publikums und referiert damit natürlich an die seit Jahren über bürgerliche Fernseher flimmernden Gebührengelderkrimis. Wer am Sonntag den Weg weg vom Flachbildschirm und hin in die Baracca Bar trotz ausladendem Wetter auf sich nahm, wird mit einem wunderbar selbstreferenziellen Krimi der drei «Tatwort»-Hauptprotagonisten belohnt. Denn Kommissar Weibel (Ralph Weibel), Wortfahnder Hasler (Etrit Hasler) und Sherlock Küttel (Richi Küttel) stürzen sich ohne Warnung in ihren ersten Fall. Jener führt sie ins Appenzell, wo sich gemäss Sherlock Küttel (Wahlappenzeller) der Inzest seit über 100 Jahren in den Gesichtern der Menschen abbilde. Wortfahnder Hasler schliesslich befindet, noch einen Schritt politisch unkorrekter, dass dort oben schlicht «Das Böse» wohne, was problemlos beweisbar wäre, etwa auch in der Person von Hans-Rudolf Merz.

Weibel, Küttel und Hasler tun in der Folge genau das, was sie im Vorfeld ihrem Publikum versprochen haben: sie unterhalten geistreich, rasant, herrlich politisch unkorrekt, sprachlich zugespitzt und nie literarisch abgehoben. Live-Literatur wäre ein möglicher Begriff, der das Gebotene beschreiben könnte, Gegenwartsliteratur wohl der lexikalisch korrektere Begriff, der dafür aber etwas zu gestelzt wäre.

Perfekter Premierengast

Nach der Krimi-Ouverture folgt die erste und einzige Erklärung zum «Tatwort»-Konzept. Jene nämlich, dass sich die Lesebühne nichts weniger vorgenommen habe, als die «Jesus ähnliche Mission» (Hasler) anzutreten, die Menschen am Sonntagabend vor ihrem Zerfall vor den Fernsehgeräten zu retten.

Zweifelsfrei unterhaltender als die zuweilen etwas angestaubten Tatort-Krimis ist der Auftritt des ersten «Tatwort»-Gastes Markim Pause. Der Düsseldorfer entwirft gleich in seiner ersten Geschichte einen irrwitzigen Krimi, der ihn, den fahndenden Kripo-Kommissaren, via Düsseldorf, Bregenz über Napoli bis nach Afghanistan führt. Auf seiner irrwitzigen Mission glückt ihm das mirakulöse Unterfangen, die italienische Müllmafia zu entlarven, die ihren mit Drogen versetzten Unrat in den Kaugummiautomaten dieser Welt veräussert.

Sportliche Fortsetzung

Die Gangart der vier Literaten – die abwechselnd ihre Geschichten performen – bleibt auch nach der Pause gleichbleibend unterhaltsam. Auch gegen zehn, als sie sich von ihrem Publikum verabschieden, ist die Baracca Bar noch immer so unverhofft gut besucht, wie man sich dies nur wünschen mag. Die nächsten zwei «Tatwort»-Termine – jeweils am zweiten Sonntag des Monats – sind fixiert. Am 13. November gibt es die zweite Folge der Lesebühne, dann zum Thema Sport. Gut möglich, dass die meisten wieder kommen – Serien sind ja bekanntlich ansteckend. Wer sich übrigens mit dem Heimweg noch etwas Zeit liess, konnte daheim sogar ein weiteres Fernseh-Bildungsbürger-Reduit umgehen. Denn witziger und zugespitzter als Giacobbo/Müller war dieser Live-Abend allemal. So geht das.

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