Eine intime musikalische Nische

Es ist ein kleines Geschenk, wieder einmal in einem Konzert zu sitzen, das eine ganz spezielle Atmosphäre des Persönlichen, des Intimen ausstrahlt. Letzten Sonntag feierte die Camerata Giocosa fast unbemerkt ihren fünften Geburtstag.

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Es ist ein kleines Geschenk, wieder einmal in einem Konzert zu sitzen, das eine ganz spezielle Atmosphäre des Persönlichen, des Intimen ausstrahlt. Letzten Sonntag feierte die Camerata Giocosa fast unbemerkt ihren fünften Geburtstag. Mit «In Deiner Hand sind meine Zeiten» war der nachdenkliche Abend im Pfalzkeller überschrieben und thematisierte den Ewigkeitssonntag mit überwiegend reflexiver Musik.

Durch Musik zurück zur Musik

In der Hand von Kathrin Auer liegen die Geschicke dieses kleinen, aber feinen Streichorchesters; und für Kathrin Auer sind glücklicherweise «die Zeiten» nochmals gekommen, nachdem die Musikerin nach einem schweren Unfall und einer schweren Hirnverletzung kraft der Musik selbst sich diese wieder zurückerobern konnte. Markenzeichen der Camerata Giocosa ist, dass in diesem Streicherensemble Profis des Sinfonieorchesters St. Gallen mit Musikstudierenden zusammenspannen und der Nachwuchs dadurch die Möglichkeit erhält, anspruchsvolle Streichorchesterliteratur auf Profiniveau zu entdecken.

Kathrin Auers Dirigat ist geprägt von genauer Partiturkenntnis und eben von einer Sphäre des Ruhigen und Intimen. Das führt die Musik unmittelbar und unverstellt nah ans Publikum heran. Dankenswerterweise ist das Programm mit Musik zusammengestellt, die nicht an jeder Ecke zu hören ist. Beispielsweise die Streichorchesterfassung des Variationensatzes aus Franz Schuberts Streichquartett «Der Tod und das Mädchen». In der Fassung durch Gustav Mahler wird diese Musik noch intensiviert und eben näher an die Mahler'sche Welt herangerückt. Der Komponist mag sich in diesem SchubertSatz auch ein wenig selbst entdeckt haben.

Natürlich und frisch

Die Interpretationen der Camerata Giocosa strahlen Natürlichkeit und unforcierte Geschlossenheit aus. Auch wenn projektbezogen gearbeitet wird – die Musik dieses Streicherensembles hat Frische und Unmittelbarkeit. So stellen sich in Leos Janáceks «Suite für Streicher» ein ruhig geatmeter roter Faden und ein Fliessen ein, das den Hörer entspannt an die Hand nimmt und durch diese konzis komponierten Sätze führt.

Ein Erlebnis dann das Solospiel von Emilian Dascal, Solobratschist des Sinfonieorchesters St. Gallen. Glutvoll, urmusikantisch ist der Rumäne an den Trauer-Emotionen dran, seine Viola wird zur klagenden menschlichen Stimme. Intensiv hört der Bratschist in die Musik hinein, aber auch in sein Spiel selbst, das so ruhig wie klangsatt die eher dunkleren Bilder umsetzt.

Platz im Kulturleben

Paul Hindemiths «Trauermusik» sowie Ernst Blochs «Prayer» aus «Jewish Life» wurden unter Dascals Spiel intensive Reflexionen über Trauer, Tod und Jenseits. Kathrin Auer und ihre Camerata Giocosa erzeugten einen feinsinnigen schwebenden Streichorchesterklang, der die Emotionen des Solisten sicher aufnehmen konnte. Auch mit zwei Sätzen aus Felix Mendelssohns zehnter Streichersinfonie bewies die Camerata Giocosa: Hier wird eine musikalische Nische bespielt, die im lokalen Kulturleben ihre Berechtigung hat. Man wünscht dem Projekt weitere Auftritte dieser Art.

Martin Preisser