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Kinofilm von Fanny Bräuning: Eine Hymne an das Leben

Fanny Bräunings persönlicher Dokumentarfilm «Immer und ewig» wirft erste und letzte Fragen auf. Das Porträt über ihre Eltern vermag ohne Effekthascherei zutiefst zu berühren.
Alfred Schlienger
Eine besondere Lovestory: Der Fotograf Niggi Bräuning und seine Frau Annette, die vom Hals abwärts vollständig gelähmt ist. (Bild: Hugofilm)

Eine besondere Lovestory: Der Fotograf Niggi Bräuning und seine Frau Annette, die vom Hals abwärts vollständig gelähmt ist. (Bild: Hugofilm)

Zehn Jahre nach ihrem Grosserfolg mit «No More Smoke Signals» – die Doku über eine Radiostation in einem Indianerreservat holte damals neben dem Schweizer Filmpreis auch den Prix de Soleure sowie den Basler und den Zürcher Filmpreis ab – kommt Fanny Bräuning mit einem Roadmovie der ganz und gar anderen Art ins Kino zurück.

Und um es gleich zu verraten: «Immer und ewig» ist ein sehr spezieller Liebesfilm, der Unmögliches möglich werden lässt, der Mut macht, ein Leben auch mit Einschränkungen zu meistern, der Grenzen sowohl verschiebt wie aufzeigt, in unseren Köpfen, in unseren Herzen. Behutsam und beharrlich. Schnörkellos und eindringlich. Mit Schalk und Charme. Die ungewöhnliche Reise führt mit den wichtigen Fragen, die hier aufgeworfen werden, tief ins Innere von uns allen – auch wenn kaum jemand von uns ein solches Schicksal kennt, wie es dieser Dokumentarfilm erzählt.

Plötzlich im Koma

Ein Kleinbus rollt auf Küstenstrassen durch Südeuropa. Sizilien, Griechenland, Albanien. Fantastische Aussichten, Sehnsuchtslandschaften, sonnengetränkt. Am Steuer der Basler Fotograf Niggi Bräuning, neben ihm seine Frau Annette, vom Hals an abwärts ist sie vollständig paralysiert. Als junge Mutter – ihre Tochter Fanny ist da gerade zwei Jahre alt – bekommt sie die Diagnose multiple Sklerose. Die Krankheit schreitet voran, langsam und stetig. Vor zwanzig Jahren aber fällt Annette plötzlich ins Koma. Als sie nach einer Woche daraus erwacht, ist ausser dem Kopf alles gelähmt.

Wie geht man damit um? Wie lebt man so weiter? Fanny Bräuning zeigt und hinterfragt in ihrem Film, wie ihre Eltern das schaffen. Der Vater gibt seinen Beruf als Fotograf auf und widmet sich, unterstützt von Fachpersonal, ganz der Pflege seiner Frau. Sie in ein Heim zu geben, kommt für ihn nicht infrage. Als Familie sind sie früher mit den Kindern im Kleinbus oft ans Meer gefahren. Nun verwirklicht er den Traum, seiner zur völligen Unbeweglichkeit verurteilten Frau, wieder solche Trips zu ermöglichen. Mit viel Tüftlertalent richtet er Wohnung und Kleinbus so ein, dass auch regelmässig grössere Touren möglich werden.

Mit der Kamera verfolgt Fanny Bräuning diese Reise in den Süden, Neugier und Staunen im Gepäck, mit Respekt, manchmal auch mit leisem Befremden, aber nie mit dem Hang zur Heroisierung. Ob der Vater, der als Jüngling mal Matrose war, nicht manchmal auch über ein anderes Leben nachdenke, will die Tochter wissen, ein Leben, in dem die Mutter gesund und er freier wäre?

Halb unwillig, halb schelmisch schiebt der Vater die Frage beiseite: «Ich weiss es doch nicht. Vielleicht wäre sie ja davongelaufen – wenn sie gekonnt hätte.» Immer wieder blitzt dieser trockene Humor auf, auch bei der Mutter, und gibt dem Film bei allem Ernst der Lage eine spielerisch-heitere Note. Meist halten die beiden mit ihrem Bus an den schönsten Orten im Parkverbot – «Man muss das Privileg schon ein bisschen ausnützen, das man hat als Krüppel» – und betonen: «Wir parkieren hier ja gar nicht, wir leben hier.»

Hingabe und Selbstlosigkeit

Kurze Rückblenden gewähren Einblicke in die Anfänge dieser Liebe, in eine wild-bewegte Hippie-Hochzeit, in den Aufbruch um 68, in Familienferien und erste Berufswege. Fanny Bräuning zeigt sich auch hier sparsam, sie plündert nicht das ganze Familienalbum, schafft aber einen spannenden Zeitbogen, in dem sich das Freudigerschmitzte in den Gesichtern dieses Paares über die Jahrzehnte spiegelt.

Die grosse, fraglose, durch nichts zu erschütternde Liebe, die totale Hingabe und Selbstlosigkeit, das souveräne Auffangen der massiven Asymmetrie – man könnte bei diesen Themen förmlich die Pathos-Glocken läuten hören. Wie vermeidet man, dass es nicht doch leicht kitschig wird? «Indem man ganz genau hinschaut und die eigenen Fragen, auch schwierige, ernst nimmt», sagt die Regisseurin, «und indem man sich nicht scheut, auch dahin zu schauen, wo es Brüche gibt und Sperriges.»

Wie etwa in der eher unwilligen Frisierszene im Film, die fast wie eine Züchtigung wirkt. Oder wenn der Vater von der Tochter gefragt wird, was denn das Schwierigste sei, und er meint: «Den Lebenswillen für zwei erhalten zu müssen.» Und nicht zuletzt, wenn die Mutter anmerkt, dass sie immer darauf bestanden habe, dass ihr der Weg zur Medikamentenschublade zugänglich blieb – wenn der Lebensmut mal erlöschen sollte.

Man muss zwischendurch auch schmunzeln

Zum Eindrücklichsten dieses Films gehört zweifellos, wie sich unser Blick auf die Grenzen des Lebenswerten, quasi mit den Protagonisten, verschiebt. Natürlich bedauert die gelernte Grafikerin Annette bis heute, dass sie ihre Hände nicht mehr gebrauchen kann. Aber über ihre frühere Haltung, dass sie nicht mehr leben möchte, wenn sie mal auf den Rollstuhl angewiesen wäre, muss sie jetzt fast schmunzeln.

Heute wäre eine Grenze wohl erst erreicht, wenn sie auch noch das Augenlicht verlieren würde, wenn ihr die Lust am Schauen auf all die Herrlichkeiten dieser Welt geraubt würde. So betrachtet, präsentiert uns dieses jungalte Liebespaar, ganz unpathetisch und trotz aller Einschränkungen, eine Hymne an das Leben.

Seit 31. Januar in den Kinos Cinéboxx (Einsiedeln), Cinepol (Sins), Afm Cinema (Stans), Gotthard (Zug). Das Kino Bourbaki (Luzern) zeigt den Film ab DO 7. Februar., Vorpremiere mit Fanny Bräuning am kommenden Samstag, 13.30 Uhr.

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