Eine höchst persönliche Folklore der Welt

Bratsch sind immer mehr gewesen als die «Blues Brothers vom Balkan». Eine Band, die über Dekaden die Musik der Sinti und Roma, armenische Volksmusik, Free Jazz, Klezmer und Chanson zur persönlichen Angelegenheit gemacht hat. Am Samstag gastieren sie auf ihrer Abschiedstour im Palace.

Marc Peschke
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Bratsch auf Abschiedstour – und am Samstag in St. Gallen. (Bild: pd)

Bratsch auf Abschiedstour – und am Samstag in St. Gallen. (Bild: pd)

ST. GALLEN. «Bruit de Bratsch» heisst ihr aktuelles Album, das Aufnahmen seit dem Jahr 1973 bis heute versammelt. Es gibt wenige Bands auf der Welt, die so eine Kontinuität an den Tag legen wie die französische Gruppe Bratsch. Dan Gharibian an der Gitarre, Bruno Girard an Violine und Bratsche, Théo Girard am Kontrabass, Nano Peylet an der Klarinette und François Castiello an seinem Akkordeon sind schon lange kein Geheimtip mehr; ihre Konzerte sind schnell ausverkauft, denn Bratsch sind eine ausgesprochene Live-Band. Wenn die fünf Musiker also am Samstag im Palace zu Gast sind, wird es so sein wie immer: Sie werden sich durch 40 Jahre Bandgeschichte spielen, dieses Quintett, das mit der Umschreibung «Balkan Blues Brothers» kaum gefasst werden kann. Doch nein, diesmal wird es anders sein, denn die Band macht Schluss. Nach 40 Jahren ist man auf grosser Abschiedstour.

Mit politischem Impetus

Bratsch sind eine Band, die sich über Dekaden ihre musikalische Offenheit bewahrt hat. Sie mischt verschiedene Einflüsse zur höchst persönlichen Angelegenheit, zu einer Folklore der Welt, zu einer Folklore der Völker, die stets nicht nur einen musikalischen, sondern auch politischen Impetus hat. Ihre Musik kennt keine Grenzen und ist gleichzeitig im besten Sinne konservativ: Sie will die Wurzeln der Musikkulturen erhalten helfen. Immer wieder, vor allem auf ihrem letzten Studioalbum «Urban Bratsch», hat sich die Band politisch geäussert und kämpft mit Poesie gegen die neuen Ungerechtigkeiten dieser Welt.

Traditionen im Fluss

Bratsch sind eine Band, die Feuer unter den Hintern macht: Avantgarde und Folklore, Liebeslieder und Balladen, Heiteres und Trauriges, all das mischen die hervorragend improvisierenden Solisten. Mal ist es laut, sehr laut sogar, dann ganz leise. Die Musik der Volksfeste, der Hochzeiten, steckt genauso in diesem Sound, der einmal als eine «imaginäre Folklore» beschrieben worden ist. Tatsächlich entspringt er der Phantasie, doch verweist er gleichzeitig auf Reales: auf die Geschichte und Verbindungen sehr unterschiedlicher, alles andere als statischer Musikkulturen, die hier zusammengebracht werden.

Ihre Musik sei nicht traditionell, sondern neotraditionell, haben es Bratsch einmal zusammengefasst. Sie wissen, dass musikalische Traditionen ständig in einem Fluss sind. Eine Band, die das ewige Wandern zwischen den Kulturen schon im Namen trägt. Denn die herb klingende Bratsche, die stets im Schatten der Violine stand, sie war von jeher ein beliebtes Instrument der Wandermusiker.

Sa, 21.3., 21 Uhr, Palace