«Eine gute Zeit»

Musiker müssen hohe Anforderungen erfüllen. Eva Kauffungen und Andrea Helesfai haben ein Berufsleben lang im Zürcher Tonhalle-Orchester gespielt – und ziehen Bilanz.

Rolf App
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Sparsame Zeichen: David Zinman dirigiert. (Bilder: Tonhalle)

Sparsame Zeichen: David Zinman dirigiert. (Bilder: Tonhalle)

37Jahre sind es. Wie viele Konzerte das wohl gewesen sind für die Geigerin Andrea Helesfai und die Harfenistin Eva Kauffungen? Wie viele Proben? Wie viele Stunden des Übens im stillen Kämmerlein? Schwer auszumalen bei ungefähr 44 verschiedenen Orchesterprogrammen im Jahr. In jungen Jahren sind Eva Kauffungen und Andrea Helesfai in einem strengen Wettbewerb zum Tonhalle-Orchester Zürich gestossen. Kürzlich sind sie verabschiedet worden. An diesem Wochenende beginnt die erste Saison ohne sie.

«Das war Wien pur»

Jetzt sind sie dankbar, aber nicht müde. Sie werden die Arbeit «ihres» Orchesters weiter verfolgen. Immer wieder fallen sie während unseres Gesprächs in die Gegenwartsform zurück, als wären sie noch immer Teil dieses Orchesters. Die enge Zusammenarbeit, das intensive Zusammenleben haben sie nicht abgenutzt – auch wenn es schwierige Zeiten gegeben hat.

Aufgewogen werden sie von jenen magischen Momenten, von grossen Abenden, von denen Andrea Helesfai erzählt. Und von Dirigenten, mit denen sie gut harmoniert haben. Zum Beispiel mit Erich Leinsdorf, der «einen Draht hatte bis zu den letzten Pulten». Oder mit dem alten Karl Böhm, mit dessen eckigen Bewegungen Andrea Helesfai wenig anfangen konnte – dessen Auffassung der Wiener Klassik aber phantastisch gewesen sei. «Das war Wien pur.»

«Er zeigt uns das Ganze»

Vor allem einen aber meinen die beiden mit ihrem Lob: David Zinman, der seit 1995 an der Spitze des Orchesters steht. «David hat die Eigenart, dass er in der ersten Probe ein Werk durchspielt», erzählt Eva Kauffungen. «Wir kommen alle fixfertig vorbereitet zur Probe, und bei diesem ersten Mal zeigt er uns seine Vision von dem Werk als Ganzem.» Für sie als Soloharfenistin wird damit eine ideale Situation geschaffen. «Ich bin meistens allein», sagt sie. «In der ersten Probe erkenne ich, wo ich an mir arbeiten muss.»

Andrea Helesfai befindet sich in einer andern Position. Sie gehört zu den 1. Geigen, ist Teil einer Gruppe und kann sich stärker an der Umgebung orientieren als Eva Kauffungen. Man spürt im Gespräch, wie gut David Zinmans menschenfreundliche, praktische Art ankommt. Man erfährt aber auch, wie selbstbewusst das Orchester auftreten kann. Das ist dem einen oder andern von David Zinmans Vorgängern zum Verhängnis geworden. So ist zum Beispiel Gerd Albrechts Vertrag 1980 nach Konflikten nicht erneuert worden, wie das Jubiläumsbuch über hundert Jahre Tonhalle Zürich berichtet.

Das Urteil der Musiker

«Das Orchester kommt nach jeder Saison zusammen und wir äussern unsere Meinung über die Dirigenten, mit denen wir gespielt haben», erzählt Andrea Helesfai. «Der Intendant hört gut zu, unser Urteil hat Einfluss auf kommende Verpflichtungen.» So sind in jüngerer Zeit eine Reihe aufstrebender Talente in der Tonhalle aufgetreten. Einer von ihnen, der erst 26jährige Lionel Bringuier, wird denn auch im kommenden Jahr Zinmans Nachfolge antreten. «Es wird eine gute Zeit werden mit ihm», sagt Andrea Helesfai, «aber eine ganz andere.»

Nicht immer so einfühlsam

Das Leben einer Musikerin ist bereichernd, aber anspruchsvoll, manchmal sogar schwer. «Es geht einem ja nicht immer blendend», sagt Eva Kauffungen. Und auch die Dirigenten sind nicht immer so einfühlsam, wie man sie sich wünscht.

Neigen eigentlich die älteren Herren noch stärker dem Pult-Diktatorentum zu? Die Damen widersprechen. «Georg Solti war in seinen letzten Jahren seines Lebens grossartig, abgerundet und mild», sagt Andrea Helesfai. Und Bernard Haitink gehört heute noch zu ihren liebsten Dirigenten.

Was muss ein solcher Dirigent denn mitbringen, worauf kommt es an? Es gibt eine DVD über das Tonhalle-Orchester, in der es mit David Zinman die sechste Sinfonie von Gustav Mahler einspielt. Zinman hört sehr genau hin, gibt knappe Hinweise. «Ein bisschen zackiger», wünscht er sich eine Stelle. «Ich höre die Kuhglocken nicht», stellt er später fest. Und einmal sagt er zu den Musikern: «Ich frage mich immer, warum es hier so schrecklich tönt.» Seine Zeichen sind sparsam, aber klar, deutlich gibt er den Takt an.

Kurz vor der Exzellenz

Zinman erzählt, er denke «die ganze Zeit an den grossen Bogen, den man erreichen muss». Er habe sich schon immer gewünscht, mit einem europäischen Orchester zu arbeiten, das eine lange Tradition hat. «Das Tonhalle-Orchester schien mir immer kurz davor, ein grossartiges Orchester zu sein.» Dass er dieses Orchester weit gebracht hat – mit Konzerten, mit Tournés, mit CD-Einspielungen – das bestätigen auch Eva Kauffungen und Andrea Helesfai. Er hat bei den Musikern viel Ehrgeiz geweckt, hat mit seiner präzisen Arbeit die Latte hoch gelegt. Gerade bei den CD-Einspielungen erlebt man, wie ein Werk von Grund auf erarbeitet wird.

Feine Akzente

Gerne sieht man nur jene Künstler, die vorne stehen. Von einer Solistinnen-Karriere haben aber weder Eva Kauffungen noch Andrea Helesfai geträumt. Andrea Helesfai hat Soloauftritte gehabt, beide haben sie daneben viel Kammermusik gemacht. Eva Kauffungen glaubt, dass der Klang der Harfe gut in ein Orchester passt. Dort setzt sie ihre feinen, aber markanten Akzente. Und Andrea Helesfai will ihr Wissen weiterhin weitergeben.

Eva Kauffungen

Eva Kauffungen

Andrea Helesfai

Andrea Helesfai