Dieses Musical schlachtet
eine ganze Herde heiliger Kühe 

Das amerikanische Musical «The Book of Mormon» gastiert in Zürich. Es ist böse, derb und sehr gute Unterhaltung.

Michael Graber
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Nabulungi (Nicole-Lily Baisden) und Elder Cunningham (Conner Peirson) kurz bevor getauft wird. Bild: PD/Paul Coltas

Nabulungi (Nicole-Lily Baisden) und Elder Cunningham (Conner Peirson) kurz bevor getauft wird. Bild: PD/Paul Coltas

Ding Dong. Die Mormonen-Missionare in Ausbildung üben schon mal das Klingeln. Bald soll ausgeschwärmt und bekehrt werden. Dazu muss man eben zuerst einmal klingeln. Schliesslich öffnen sich die Türen zu den zu Bekehrenden ja nicht wie von Gottes Hand.

Der Beste aller Ding-Donger ist Elder Price (Kevin Clay). Beseelt von seiner Aufgabe und beeifert von der Aussicht, bald in Orlando zu klingeln, wirkt er wie eine Mischung aus Klassenstreber und Jungfreisinnigem. Doch die Mormonen-Oberen haben mit Elder Price anderes vor. Statt im beschaulichen Orlando soll er in einem Dorf in Uganda Klinken putzen. Zusammen mit dem schusseligen Elder Cunningham (Conner Peirson).

Also: Ding Dong in Uganda. Aber halt. Da fangen die Probleme der Missionare schon an: Die Türen in diesem Dorf haben gar keine Klingeln. Zweites Problem: Die Bewohner des Dorfes haben ganz andere Sorgen, als bekehrt zu werden. Sie leiden unter Aids, der Terrorherrschaft eines Warlords und Hunger. Der Glaube an den Glauben hat keinen der oberen Plätze auf der Prioritätenliste.

Statt der Lobpreisung eine wüste Verfluchung

Oder doch? Um sich mit ihrem Schicksal abzugeben, werfen sie die Hände nach oben und singen «Hasa Diga Eebowai». Was im ersten Moment wie eine Lobpreisung klingt, entpuppt sich in der Übersetzung als schlimme Verunglimpfung Gottes. Die Dorfbewohner haben aber eigentlich auch nichts, wofür man einer höheren Macht sonderlich dankbar sein müsste.

Das Musical «The Book of Mormon» von den Machern der Fernsehserie «South Park» ist böse, derb, frech, grenzwertig und schlachtet gleich eine ganze Herde heiliger Kühe. Aber, es ist ein Musical. Uraufgeführt wurde es 2011 am Broadway. Es wird gesungen, getanzt, es ist beschwingt, und trotz aller Boshaftigkeit verliert es nie die Leichtigkeit.

Es setzt aber einiges voraus: Das Stück ist in Englisch gehalten, wird rasant erzählt, und es braucht einen zumindest schwarz angefärbten Humor, sonst wird man oft vor Empörung die Augen verdrehen. Auch darf man das Spiel mit den Stereotypen nicht falsch verstehen, weil man sie sonst leicht als Rassismus deutet.

Bei aller angedeuteten und tatsächlichen Gotteslästerung, die da auf der Bühne des Theater 11 in Zürich betrieben wird, wirkt das Stück in der Konklusion eigentlich gar nicht sonderlich böse zu den Religionen. Die Kraft des Glaubens wird sogar gelobt – an was oder wen, ist aber nicht wichtig und schon gar nicht, was in einem Buch steht.

Das Ensemble ist grossartig (besonderes Lob an Nicole-Lily Baisden als Nabulungi). Die Kostüme und Kulissen ebenfalls. Musikalisch und gesanglich bleiben keine Wünsche offen, und spätestens nach der Pause ist «The Book of Mormon» sehr gute Unterhaltung. Diesen Mormonen öffnet man jederzeit die Tür. Ding Dong.

The Book of Mormon Bis 5. Januar im Theater 11 in Zürich. Alle Daten und Tickets: www.musical.ch/