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Eine ganz irdische Gottesmutter

Der Schauspieler Thomas Fuhrer bringt mit dem Stück «Himmels und Erden» eine szenische Übersetzung von Rainer Maria Rilkes Gedichtzyklus «Marien-Leben» auf die Bühne. Ein besinnlicher Adventsabend im Theater 111.
Brigitte Schmid-Gugler
Der Schauspieler Thomas Fuhrer in seiner szenischen Bearbeitung der Marien-Gedichte. (Bild: pd)

Der Schauspieler Thomas Fuhrer in seiner szenischen Bearbeitung der Marien-Gedichte. (Bild: pd)

ST. GALLEN. Knapp zwei Handvoll Menschen haben sich eingefunden, dem Mann zu lauschen. Mit Wollmütze, knallblauen Trainingshosen und einer Kiste Bier – Marke «Super Bock» – unter dem Arm stolpert er auf die Bühne und stellt sie mit endlich eingestelltem Blickfeld auf der Oberfläche eines Kühlschranks ab. Ein Alki, unbehaust, leer, wie die zahlreichen Flaschen, die um den Kühlschrank herumstehen. Die eine Hand grübelt schon in der Kiste herum.

Schwieriges Unterfangen

Mit einem nackten und einem beschuhten Fuss setzt er sich wacklig auf einen Stuhl: «O was muss es die Engel gekostet haben, nicht aufzusingen plötzlich, wie man aufweint, da sie doch wussten: in dieser Nacht wird dem Knaben die Mutter geboren, dem Einen, der bald erscheint. (...)», beginnt er gequält und gebeutelt, als ob er nicht ertragen könnte, was es da vorzutragen gibt in dieser Endlosschlaufe von Leben und Tod. Für jedes der 13 Gedichte hat Fuhrer ein narratives Bild erfunden. Mal bahnt er sich torkelnd den Weg durch den Flaschenwald, dann wieder setzt er an zu einem wütenden Wortrausch. Der Schauspieler übersetzt die Marien-Gedichte ins Leben einer – jeder – Frauengestalt von der Geburt bis zum Tod, mit all dem Schmerz, dem Schrecklichen und der Freuden – so, wie sie auch Rilke gemeint hatte. Und mit dem Bild des betrunkenen Mannes, den er von einer Figur im Werk des Schriftstellers Charles Bukowski geliehen hat, hebt er den metaphysischen Charakter ins irdische Dasein. Das ist ein mutiger Entscheid, denn die verschlüsselte Symbolik der Texte und die darübergelegten morbiden Bilder brechen im Sekundentakt. Und doch gelingt es ihm gerade durch diese Brechungen, die elegisch angelegte Poesie herauszulösen aus der blossen Deutung. Es sind Texte in unterschiedlicher sprachlicher Struktur, die sich unter anderem auf Gemälde von Tintoretto und Tizian beziehen.

Rilkes Marien-Gedichte entstanden in den Jahren 1912/ 1913, also sechs/sieben Jahre nachdem ihm Rodin in Paris die Anstellung als Sekretär gekündigt hatte. Es waren die Jahre, die geprägt waren von einer grossen und lange anhaltenden Lebenskrise. Religiös geprägte Überhöhung erfuhr Ernüchterung, Engel wurden wie bei Paul Klee zu Zweiflern, und die Chiffren der Anbetung zu körperlichen Kraftakten des Mutlosen: «Heilande muss man in den Bergen schürfen.»

Wie ein trauriges Lied

Eine knappe Stunde dauert der szenische Rezitationsabend. Am Schluss steht der Mann da in seinen weissen langen Unterhosen. Ganz nüchtern jetzt und mit ungläubig aufgerissenen Augen. Wie ein zerknitterter, flügellahmer Engel, der es nicht schaffte, rechtzeitig an der Krippe – oder am Grab – zu sein. Ein eindringliches Erlebnis, das kurz vor Weihnachten daherkommt wie ein geweintes Lied.

Do–Sa, 17.–19.12., 20 Uhr, Theater 111, Grossackerstrasse 3

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