Eine Frau im Männer-Olymp

Tanja Grandits vom «Stucki» in Basel ist vom Gault Millau als erste Frau zum Koch des Jahres gekürt worden. In der Ostschweiz bleibt die Feinschmeckerszene stabil. Neulinge sprechen von Anerkennung, aber auch von Respekt.

Beda Hanimann
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Sie verzaubert, verführt, berührt: Tanja Grandits vom «Stucki» in Basel. (Bild: ky/Georgios Kefalas)

Sie verzaubert, verführt, berührt: Tanja Grandits vom «Stucki» in Basel. (Bild: ky/Georgios Kefalas)

In der Schule hat man Tanja Grandits heftig davon abgeraten, ihren Traum zu verwirklichen. Koch, das sei ein Männerberuf und nichts für Frauen, hiess es in Balingen, ihrer süddeutschen Heimat. Sie liess sich weich klopfen und begann ein Chemiestudium. Brach es ab, ging als Au-pair in die USA – und fand dort die Bestätigung: Kochen, täglich kochen, das ist es!

Das macht sie nun seit geraumer Zeit, während einigen Jahren auch im Thurgau, zuletzt im «Thurtal» in Eschikofen. Scharen von Feinschmeckern danken es ihr. Und der Gourmetführer Gault Millau jubelt über «ihre unglaublich sinnliche, farbige, aromastarke Küche». Gestern machte er sie im «Stucki» in Basel, ihrer jetzigen Wirkungsstätte, zum Koch des Jahres.

Kuchler junior startet durch

2010 war Tanja Grandits schon die Aufsteigerin des Jahres, 2006 Köchin des Jahres, ein Nebentitel speziell für Frauen. Nun ist die zierliche, quirlige Frau, die sich einfach als «sehr neugierig und experimentierfreudig» bezeichnet, für ein Jahr die Nummer 1 im Männer-Olymp. In Balingen werden sie sich die Augen reiben.

Es gab an der jährlichen Zeugnisverteilete einen weiteren Erfolg mit Ostschweiz-Bezug. Als Aufsteiger gefeiert wurde Christian Kuchler, dessen Vater Wolfgang in seiner Wigoltinger Taverne zum Schäfli seit Jahren das Ostschweizer Aushängeschild ist. Der Junior war 2010 die Entdeckung, damals im «Schupfen» in Diessenhofen. Jetzt startet er, so der Gault Millau, im «Hirschen» in Eglisau durch.

Anerkennung der Leistung

In der Ostschweiz selbst herrscht «wenig Aufregung», wie der Gault Millau bilanziert: «Hier kochen die besten Chefs bemerkenswert konstant und verteidigen ihren hohen Punktestand souverän.» Zehn Lokale wurden besser benotet, acht sind neu im Führer vertreten (siehe untenstehende Liste). Neun Adressen figurieren nicht mehr im Gault Millau, die Mehrheit infolge Betriebsaufgabe oder personeller Veränderungen.

Dass sich die Aufregung in Grenzen hält, bestätigt eine Umfrage bei einigen Wirten, die neu oder an neuen Wirkungsstätten in den Gault Millau aufgenommen – oder die nicht mehr berücksichtigt wurden. Klar, dass sich die Neuen freuen. «Das ist ein schöner Beweis, dass die Arbeit anerkannt wird», sagt Thomas Haist vom Schloss Brunnegg in Kreuzlingen.

Auch für Luisa Minikus, die mit ihrem Mann seit Frühling im «Mammertsberg» in Freidorf wirtet und die 17 Punkte aus dem «Römerhof» mitgenommen hat, spricht von einer Bestätigung, auf dem richtigen Weg zu sein. Desgleichen ihre Nachfolger im Arboner «Römerhof»: «Das ist eine Ehre für uns und unser Team und ein Zeichen, dass wir es richtig machen», sagt Dominique Bergue-Hunziker. Monika Engler vom St. Galler «Neubad» freut sich, dass sie nach dem brandbedingten Unterbruch gleich wieder dabei ist.

Zufriedene Gäste als Bestätigung

Im «Treichli» in Wienacht fühlt man sich «extrem geehrt» – fragt sich aber, ob man das lässig finden soll. «Wir haben Respekt vor den Erwartungen», sagt Rebekka Costa. «Wichtig ist: Wir wollen auch mit Punkten so bleiben, wie wir sind.» Ähnlich klingt es im «Anker» in Teufen. «Das ist eine schöne Standortbestimmung, aber wir wollen deswegen nun nicht immer höher hinaus», sagt Daniela Manser.

Keine Aufregung auch bei den Verschmähten. Weder Hedi Schiess vom «Peter und Paul» in St. Gallen noch André Heiniger von der «Ilge» Arnegg sind zu Tode betrübt, dass der Gault Millau sie gestrichen hat. «Nach so vielen Jahren haben wir zum Glück unsere Kundschaft», sagt Hedi Schiess. Sie renne Bewertungen nicht mehr so nach wie vielleicht ein Junger. Auch Heiniger schätzt die Meinungsbildung seiner Gäste höher als Punkte.

Gault Millau Schweiz 2014, 580 S., Fr. 52.–

Gault Millau Schweiz 2014, 580 S., Fr. 52.–

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