Eine Familie blickt in den Abgrund

Das Studententheater der HSG spielt in der Grabenhalle «Eine Familie» des Pulitzerpreisträgers Tracy Letts. Eine starke Ensembleleistung, überstrahlt von Annabelle Sersch als mal keifende, mal delirierende Mutter.

Beda Hanimann
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Zwischen Delirium und Desillusionierung: Annabelle Sersch als Violet Weston (l.) und Tanja Hessel als Tochter Ivy. (Bild: Hanspeter Schiess)

Zwischen Delirium und Desillusionierung: Annabelle Sersch als Violet Weston (l.) und Tanja Hessel als Tochter Ivy. (Bild: Hanspeter Schiess)

Auf den Programmblättern kleben Post-it-Zettelchen mit der handgeschriebenen Begrüssung «Willkommen zuhause!». Das ist weit mehr als ein sympathischer Gag, mit dem eine Laientheatergruppe die Nähe zu ihrem Publikum demonstriert. Es ist eine inszenatorische Geste: Komm ja nicht auf den Gedanken, diese Familiengeschichte hätte nichts mit Dir zu tun, sagt sie dem Zuschauer. Folgerichtig sitzt der fast mit dabei, am langen Familientisch. Nun, nicht gerade in der ersten Reihe. Aber doch so nahe, dass er schon mal reflexartig in Deckung geht, wenn die Teller mit Karotten und Erbsen fliegen.

Triste Übereinkunft

Er sei ein «kraftvoller Erbe von Eugene O'Neill, Anton Tschechow und <Dallas>», hiess es schon mal vom 47jährigen US-Dramatiker Tracy Letts. Sein Stück «August: Osage County» machte gleich bei der Uraufführung 2008 Furore und gewann den Pulitzerpreis für Theater sowie andere Auszeichnungen. Unter dem Titel «Eine Familie» fand es schnell auch auf deutschsprachige Bühnen; das Studententheater der HSG ist die erste Schweizer Laiengruppe, die sich daran wagt.

Die Konstellation ist klassisch. Eine Familie trifft sich aus allen Himmelsrichtungen im Elternhaus. Doch während andere Autoren meist die heile Welt einer harmonischen Familie zeichnen, die erst allmählich Risse und Disharmonien offenbart, blickt man bei Letts von Anfang an in den Abgrund. «Meine Frau nimmt Tabletten, ich trinke. Das ist die Übereinkunft», monologisiert der Hausherr gleich am Anfang.

Misserfolg und Misstrauen

Die Bühne ist eine offene Fläche in der Mitte des Raums. Es gibt den langen Familientisch, das Schlafzimmer der Mutter, eine Sofaecke und einige Andeutungen von Mobiliar und Unordnung. Die Protagonisten treten von allen Seiten ins Scheinwerferlicht (so wie sie auch von überallher aus ihren Lebensexistenzen zu diesem Treffen hergekommen sind, nachdem der Vater verschwunden ist), das Publikum sitzt dabei, quasi mit eingewoben in das Treiben. Eine geschickte Anlage, die sich Marc Mounier als künstlerischer Leiter ausgedacht hat.

In dieser Familie kommt keine Nestwärme auf, trotz Schweissausbrüchen bei verrammelten Fenstern und ausgeschalteter Klimaanlage. Es ist die Realität einer totalen Abschottung, in der sich die Familie im Kreis dreht und alle Abstrusitäten menschlichen Zusammenlebens kennt. Misserfolg und Misstrauen sind längst Routine, die Mutter drangsaliert und beleidigt ihre Töchter, diese lehnen sich auf. Schuldzuweisungen machen die Runde, Untreue, Lügen und dunkle Geheimnisse sind die zwischenmenschliche Währung. Sarkasmus und Zynismus der Gefühlsraster.

Delirium und Desillusion

Es ist hohe dramaturgische Schule, wie Letts die Spannung über drei Stunden aufrecht hält, obwohl von Anfang klar ist, dass hier keine Freude mehr aufkommen wird. Die paar poetischen Momente (subtiles musikalisches Konzept von Annabelle Sersch) wirken da nur noch höhnischer.

Dann aber ist es auch hohe Schule des Agierens der 13 Protagonisten. Allen voran die krebskranke und tablettensüchtige Mutter. Annabelle Sersch wechselt überzeugend zwischen delirierendem Faseln und desillusioniertem Stolz. Glaubwürdig auch der Vater (Marc Iseli) als Dichter, dessen Erfolge weit zurückliegen und der seinen Lebensinhalt, die Bücher, in ruhigen Bewegungen shreddert, bevor er sich selber aus dem Spiel nimmt.

Eingängig aber auch, wie die übrigen Darsteller Anna Pfeiffer, David Weimann, Sarah Belkner, Rebecca Graf, Flavius Kehr, Anna Walker, Patrick Castiglia, Emandeem Fohim, Tanja Hessel, Nathalie Nobel und Anna Catharina Truschner ihren Figuren Konturen verleihen. «Eine Familie» ist so bei aller Drastik auch ein allgemeingültiges Bild familiärer Charaktere und Kraftfelder. Die Gruppe geht engagiert zu Werk und überspannt den Bogen auch dort nicht, wo es handgreiflich wird – wo die Teller fliegen und die Sicherungen durchgehen.

Heute Mi, Grabenhalle, 20.30 Uhr

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