Eine Dekade beim Bach-Chor St.Gallen:
«Es ist noch nicht alles gesagt»

Mit Schuberts Es-Dur-Messe schaut die Dirigentin Anna Jelmorini auf zehn Jahre Arbeit mit dem Bach-Chor zurück. Das Konzert findet am Samstag in St.Laurenzen St. Gallen statt.

Martin Preisser
Drucken
Teilen
Anna Jelmorini, Dirigentin des Bach-Chors St.Gallen.

Anna Jelmorini, Dirigentin des Bach-Chors St.Gallen.

Bild: Ralph Ribi

Nach zehn Jahren mit einem Chor sei es oft der ideale Zeitpunkt, um weiterzuziehen, sagt die Zürcher Dirigentin Anna Jelmorini. Aber sie bleibt dem Bach-Chor St.Gallen noch erhalten. «Wir sind noch nicht an dem Punkt, an dem alles gesagt ist, noch ist musikalisch nicht alles erledigt, was zu erledigen ist.» Mit Schuberts Es-Dur-Messe hat sich die gebürtige Tessinerin ein eher intimes Werk ausgewählt, um auf zehn Jahre in St.Gallen zurückzuschauen. Damals war dieser Schubert das erste Stück, das sie mit dem Bach-Chor realisiert hat. Und da sie kein Mensch sei, der sich ­gerne zelebriere, komme ihr die Intimität Schuberts entgegen.

Der Chor ist selbstkritischer geworden

Vor zehn Jahren sei der Chor stark von der Persönlichkeit ihres Vorgängers, Rudolf Lutz, geprägt gewesen. «Heute empfinde ich den Chor als viel unabhängiger von mir als Dirigentin. Er ist selbstständiger, selbstkritischer geworden, hat mehr eigene Verantwortung übernommen», sagt Anna Jelmorini. Ein Chor solle nicht nur auf die Signale der Dirigentin warten, um dann perfekt zu funktionieren, sondern selber ein Gespür entwickeln, ob etwas schon oder noch nicht gut ist. Das könne der Chor heute. Die Dirigentin freut sich auch, dass der Bach-Chor inzwischen a cappella, also ohne instrumentale Begleitung singt. «Das ist ein enormer Schritt», sagt Anna Jelmorini. «Und dieser Schritt hängt auch damit zusammen, dass der Chor mittlerweile eine andere Art des Aufeinanderhörens entwickelt hat.»

Männer denken weniger über ihre Bewegungen nach

Die Frage, ob Frauen anders ­dirigieren, hält Anna Jelmorini überhaupt nicht für inzwischen überholt. «Frauen bewegen sich anders. Ein Mann am Dirigentenpult denkt über seine Bewegungen weniger nach. Wir Frauen sind da erst einmal weniger frei.» Für Anna Jelmorini ist es ein langer, aber wichtiger Weg, für sich eine neutrale Präsenzform zu finden, eine solche, die man nicht mehr als geschlechtsspezifisch erkennt und entsprechend einordnet. «Das ist ein langer Prozess und grosse Arbeit. Jedenfalls für mich.» Gerne erinnert sie sich an einen Satz ihres Dirigierlehrers: «Man darf beim Dirigieren keine Angst ­haben, lächerlich zu wirken.»

Höhepunkte in ihrer zehnjährigen Zeit mit dem Bach-Chor gab es einige. Anna Jelmorini erinnert sich besonders gerne an die A-cappella-Motette von Francis Poulenc oder an «Roi David» von Arthur Honegger, bei dem es damals durchaus den Widerstand des Chores gegen die Modernität dieses Stücks auszuräumen galt. Im Gedächtnis geblieben ist ihr auch die Aufführung von Puccinis «Messa di gloria». Otto Tausk hatte damals im Rahmen der St.Galler Festspiele dirigiert. Und Anna Jelmorini sang für einmal mitten in ihrem Chor voller Begeisterung selbst mit.

Hinweis

Konzert: Sa, 14.12., 19.30 Uhr, St.Laurenzen, St.Gallen

«Das Ding ist eine unglaubliche Maschine»

Morgen führt der Bach-Chor St. Gallen Antonin Dvoráks «Requiem» auf. Unter der Leitung von Anna Jelmorini ist auch das Collegium Vocale der Dommusik mit von der Partie.
Martin Preisser
Mehr zum Thema

Grosse Messe, kleine Weihnacht

Mozarts c-Moll-Messe zählt zu den unvollendeten Meisterwerken – zwar gibt es unterdessen eine akzeptable Vollversion, an seinem Jahreskonzert hat der Bach-Chor unter Anna Jelmorini gleichwohl das Fragment gesungen.
Bettina Kugler