Eine Baustelle als Kunstprojekt

Die Thurgauer Künstlerin Judit Villiger hat ein altes Riegelhaus an der Steckborner Seestrasse gekauft. Das «Haus zur Glocke» soll in Zukunft zum Kunst- und Begegnungsort werden. Die erste Aktion «Transfer» bespielt das Gebäude an sechs Tagen mit Kultur.

Martin Preisser
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Die Künstlerin Judit Villiger im noch unfertigen Dachstock ihres neuen Kunsthauses «Zur Glocke». (Bild: Martin Preisser)

Die Künstlerin Judit Villiger im noch unfertigen Dachstock ihres neuen Kunsthauses «Zur Glocke». (Bild: Martin Preisser)

STECKBORN. Das Riegelhaus an der Seestrasse 91 passt irgendwie zu Judit Villiger. Ein riesiges Atelier könnte man sich für die Künstlerin, die oft miniaturhaft arbeitet und im Kleinen und Feinen das Überraschende sucht, kaum vorstellen. Das Haus zur Glocke aber schon. Bis 2009 war hier das Glogge-Lädeli beheimatet, dann war die Liegenschaft als Baubüro der Stiftung Turmhof geplant. Die hat es jetzt an Judit Villiger verkauft, die direkt gegenüber wohnt und an den ehemaligen Weltladen als Kommunikations- und Begegnungsort beste Erinnerungen hat: «Diesen Charakter des ehemaligen Lädelis will ich fortsetzen», sagt sie und will das Haus nicht nur als Atelier, sondern auch als Kunstort verstanden wissen.

Auf die Renovation reagieren

Im Moment ist die viergeschossige «Glocke» eine einzige Baustelle und wird es auch zur Eröffnung in zwei Wochen noch sein. Das passt zum Übergangscharakter, den die erste sechstägige Kunstaktion «Transfer» prägt. Judit Villiger bespielt das Haus nicht mit eigener Kunst, sondern hat Kunstschaffende eingeladen, die sie persönlich bisher nicht kannte und die mit ihren Arbeiten und Interventionen auf das Bestehende und Vorgefundene reagieren und ihrerseits weitere Kunstschaffende nach Steckborn bringen werden. Eine Baustelle wird so zum farbigen Kunstprojekt mit einem facettenreichen Angebot.

Die Thurgauer Literatin Andrea Gerster wird zu Gast sein, aus der Sparte Musik trägt Sängerin Irina Ungureanu zur Eröffnung des Hauses zur Glocke bei. Und die Zürcher Künstlerin Miriam Strauss wird mit Eingriffen auf das Haus, seine Bausubstanz und die Veränderungsprozesse durch die Renovation reagieren.

Eine Genehmigung für eine Gelegenheitsgastronomie hat die neue Hausherrin Judit Villiger ebenfalls bereits. Sie nimmt damit die Idee der temporären Beizlis wieder auf, die viele Steckborner damals am Glogge-Lädeli immer sehr geschätzt haben. Alte Wirtshausstühle warten im Dachgeschoss bereits auf die Gäste, die während der Kunstaktion mit verschiedenen Suppenkreationen der Kunstschaffenden bewirtet werden.

Brücken bauen

Noch etwas geheimnisumwoben kommt die Idee einer temporären Installation daher, die das Haus zur Glocke mit einer Art «Luftraumbrücke» über die Seestrasse hinüber zum Wohnhaus der Künstlerin unter einem speziellen, eben dem brückenbauenden Aspekt zeigen wird. Brücken baut Judit Villiger bereits jetzt und strebt eine erfolgreiche Vernetzung mit der Stiftung Turmhof und dem Phoenix-Theater an, dem wichtigsten Kulturanbieter im Ort. Und man kennt Judit Villiger nicht, wenn man mit der «Glocke» in Zukunft nicht einen feinsinnigen Kunstort erwarten würde, der am Untersee mit Überraschendem und Qualitätvollem aufwartet.

Eröffnungsaktion «Transfer»: Fr–So, 8.–10. sowie 15.–17. April, Haus zur Glocke (Seestrasse 91), Steckborn; www.hauszurglocke.ch