Ein Zug mit rigidem Klassensystem

Der koreanische Regisseur Bong Joon Ho hat aus dem gleichnamigen Comic «Snowpiercer» einen beeindruckenden Film gemacht. Einen rasanten Ökothriller, der spannende Action, visuelle Kraft und erzählerische Raffinesse verbindet.

Andreas Stock
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Aufstand im «Snowpiercer»: Curtis (Chris Evans, Bildmitte) führt die gewaltsame Revolte gegen die Zug-Hierarchie an. (Bild: Ascot Elite)

Aufstand im «Snowpiercer»: Curtis (Chris Evans, Bildmitte) führt die gewaltsame Revolte gegen die Zug-Hierarchie an. (Bild: Ascot Elite)

«Durch das unendliche Weiss eines ewigen Winters rollt ein Zug über den vereisten Planeten, ein Zug, der niemals anhält» – so beginnt die französische Graphic Novel «Schneekreuzer». Der südkoreanische Regisseur Bong Joon Ho hat daraus einen eigenständigen Science-Fiction-Film gemacht. Denn im Kern hat er lediglich zwei Figuren und die Grundidee übernommen: Die Menschen haben eine neue Eiszeit verschuldet und damit jedes Leben auf der Erde ausgelöscht. Die Welt ist von einer dicken Eis- und Schneeschicht umhüllt; ein paar Tausend Überlebende umkreisen seit 17 Jahren in einem schier endlos langen Zug die Erde. Es gibt kein Halten, denn Stillstand würde den Tod bedeuten. Solang der Zug fährt, bietet er Wärme, Licht, Wasser und Nahrung. Kein Wunder also, gibt es Passagiere, welche die Zugmaschine als göttliche Macht und deren Schöpfer Wilford als ihren Führer verehren.

«Kennen Sie Ihren Platz!»

In dieser Arche Noah auf Schienen herrscht ein rigides Hierarchie- und Klassensystem. Die an der Spitze des Zugs leben in Saus und Braus mit allen Privilegien, während die hinten im Zug um ihre nackte Existenz kämpfen müssen. In diesen hintersten Wagen beginnt auch die Geschichte. Die Menschen hier leben zusammengepfercht in fensterlosen Waggons, Zustände, die an grausame Kriegslager erinnern. Jeder Wagen ist vom nächsten durch ein Sicherheitssystem getrennt und von Soldaten bewacht. Doch unter den Menschen, die nichts zu verlieren haben, gärt eine Revolte. Curtis und sein junger Gefährte Edgar planen einen Aufstand. Ihr Mentor ist der greise Gilliam; dessen körperliche Verstümmelungen zeigen, mit welchen Konsequenzen sie zu rechnen haben, wenn ein Aufstand wieder einmal scheitert. Wie die Busse aussehen kann, erfährt der Zuschauer bei einer grausigen Strafaktion durch Ministerin Mason. Sie macht den Menschen «am Arsch des Zugs» einmal mehr ihre Rolle deutlich: «Ich gehöre an die Spitze und Sie ans Ende. Kennen Sie Ihren Platz, bleiben Sie an Ihrem Platz.» Genau das wollen Curtis und seine Verbündeten nicht mehr länger.

Rasante Action, düstere Parabel

Wie in seinen früheren Filmen versteht es Bong Joon Ho, der Actionhandlung einen zweiten Boden einzuziehen. Im Monsterfilm «The Host» wurden familiäre Beziehungen thematisiert, im Drama «Mother» die moralische Orientierungslosigkeit kritisch betrachtet. In seinem ersten englischsprachigen Film entspinnt sich eine mythisch aufgeladene, düstere Parabel um Macht und Ohnmacht, Reich und Arm, Politik und Ökologie. Die Klassengesellschaft nach der Apokalypse und ihr brutales System aus Unterdrückung und Lügen funktioniert dabei vor allem als filmische Metapher, deren Logik nicht allzu sehr hinterfragt werden darf. Dramaturgisch hingegen funktioniert der Actionfilm reibungslos. Wie andere Zug-Thriller, zum Beispiel «Runaway Train» (1985) von Andrei Konchalowsky, ist der Schauplatz begrenzt und treibt die Geschwindigkeit des rasenden Zugs gleichsam die Handlung voran. Zudem wissen wir als Zuschauer nie mehr als die Protagonisten. Wie sie blicken wir bei jedem weiteren Waggon auf die blockierten Türen. Gespannt darauf, was wir sehen, wenn der Code geknackt ist und die Tür sich öffnet. Erzählerisch und visuell ist das raffiniert und voller Überraschungen, darum nur so viel: Der Zug entpuppt sich als Mikrokosmos der Welt auf Schienen, der nicht nur eine ökonomische Hierarchie aufzeigt, sondern mit jedem Waggon einen Aspekt des rabiaten Herrschaftssystems offenbart. Zudem sehen sich die Aufständischen mit martialischer Gegenwehr konfrontiert, was zahlreiche Opfer fordert.

Schwarzer Humor mit Swinton

«Snowpiercer» ist der bislang teuerste südkoreanische Film, eine internationale Co-Produktion, die ausserhalb des Studiosystems unter anderem in Tschechien entstand. International ist auch die Besetzung: Chris Evans, Jamie Bell und Octavia Spencer als Aufständische, John Hurt als Gilliam, Ed Harris als Wilford sowie mit Song Kang-Ho und Ko Asung südkoreanische Darsteller in wichtigen Rollen. Und dann gibt es Tilda Swinton, mit Perücke, falscher Nase und Pferdegebiss kaum zu erkennen. Sie gibt die arrogante Ministerin Mason zwischen Karikatur und Monster, mit köstlich übertriebener Gestik und Akzent. Sie würzt die grausame Zugfahrt mit einem absurden schwarzen Humor.

Ab Donnerstag in den Kinos

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