Ein Zerstörer, der zusammenflickt

Auf dem neuen Destroyer-Album «Poison Season» schiessen Bläser und Streicher Emotionen durch die Gegend wie am Broadway. Im November auch im St. Galler Palace – eine kleine Sensation.

Marco Kamber
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Es soll ja diese Menschen geben, denen sieht man an, dass man ihnen, ehe sie etwas sagen, auf der Stelle alles glauben wird. Dass man von ihnen lieber als von anderen einen heissen Tee ans Bett serviert bekommt, wenn's mal gerade nicht so gut läuft. Dan Bejar ist ein solcher Mensch, jedenfalls musikalisch – sein Künstlername «Destroyer» weist also auf komplett falsche Fährten.

Aber auch gut so, denn sonst würde er dieser Tage komplett überrannt. Das inzwischen zehnte Album des Kanadiers mit pompösem Bandanhang ist nämlich soeben erschienen – und sein Titel «Poison Season» wird von den wichtigsten Musikzeitschriften schon jetzt mit Tinte in die Jahresbestenlisten gekritzelt. New Yorker Radiosender zogen Vergleiche zu David Bowie und Bruce Springsteen, Hefte schreiben über ein «Ereignis», wenn der im Mainstream doch eher unbekannte Dan Bejar ein Album veröffentlicht.

Mal selbstsicher, mal weinerlich

«New Blues» mögen einige den Stil des Kanadiers nennen, der eigentlich darauf besteht, dass seine Band Destroyer heisse und nicht er selber. Doch weil er ein schlechter Chef sei, wechselt die Besetzung der Gruppe ständig, und er ist die einzige Konstante im Gefüge. So kann auch nicht unbedingt von «New Blues» gesprochen werden und ganz grundsätzlich nicht von einem Stil. Sondern einfach von Mister Bejar, dem warmherzigen Sänger, der etwas nuschelt, der manchmal selbstsicher, manchmal weinerlich klingt.

Mit Pauken und Trompeten

Klar, das ganze Gespann um das aktuelle Album ist beschaulich: Der wilde Indie- und manchmal auch Stadionrock wird an sämtlichen Ecken durch feinmaschige Netze aus Streichern abgerundet. Es spielt nicht nur eine Trompete auf, sondern gleich eine ganze Reihe. Man denkt sofort an Broadway und dies doppelt. Und dreifach: Der 43jährige Wuschelkopf scheut nicht davor zurück, in den Titeln von gleich drei Stücken das Wort «Times Square» einzubauen.

Aber doch intim

Ganz viel Pomp, kann man meinen. Und wirklich schäumen sie über bei «Poison Season», die Emotionen jeglicher Art und auch Pathos. Doch irgendwie schafft es der charismatische Bejar immer, seiner Band zu entfliehen, auch wenn sie noch so laut trällert. Und dann hat man ihn ganz für sich allein – oder er hat uns. Wenn er sachte erzählt, dass er dies und das schon vor uns erlebt habe und es dann am Ende schon passen werde und man jetzt nur noch etwas durchhalten soll, auch wenn's weh tut.

Und dann ist er gleich wieder weg, ungreifbar, und jagt uns durch einen lyrischen Urwald, wofür er seit zehn Alben bekannt ist. Poetisch, aber kryptisch, wie irreführende Collagen aus ausgerissenen Notizbuchseiten scheinen einige Songs. Doch bei der sachten Stimme, mit der uns Bejar kurze Bildsequenzen rübernuschelt, kann man mit den ungelösten Rätseln leben.

Ein Bild aus Basel?

Oder man freut sich umso mehr, wenn man dann doch das eine oder andere Mal dahinterblickt. Etwa bei «Sun in the Sky», der Ode ans Versandenlassen statt Aufräumen, wenn er singt «you drink a cup of wine to settle your nerves / you float down the Rhine beside your plastic bag». Da weiss man, dass er dieses Bild wohl aufgegriffen hat, als er 2012 auf dem Rheinfloss ein Konzert gegeben hat: zufriedene Basler, die neben ihren «Wickelfischen» den Rhein hinab treiben.

Ein irgendwie vertrautes Stück Musik, wirklich eine gute Tasse heissen Tees ist das, die gut tut, wenn es dunkel ist. Dass sie diesen Herbst gleich auch in St. Gallen im Palace serviert wird, ist bei der Popularität von Destroyer eine kleine Sensation. Einen Booking-Coup nennt es Programmmacher Damian Hohl gar. Den Vorverkauf zu benutzen, lohnt sich also.

Destroyer: Poison Season. Live: Mi, 11.11., Palace St. Gallen