US-Bestsellerautor
Colson Whitehead brilliert auch mit schelmischem Ganovenroman aus Harlem

Mit «Harlem Shuffle» blickt Colson Whitehead in die 1960er-Jahre und setzt nach dem Sklavendrama «Underground Railroad» und «Nickel Boys» um missbrauchte Jugendliche die schwarze US-Kulturgeschichte fort.

Hansruedi Kugler
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Am Ende des Romans rennen die Schwarzen im Juli 1964 in Harlem – nach einem Polizistenmord.

Am Ende des Romans rennen die Schwarzen im Juli 1964 in Harlem – nach einem Polizistenmord.

Brillant, aber auch ziemlich bedrückend: So las man die beiden Vorgängerromane des US-Schriftstellers. Und nun ein süffiger, witziger, skurriler Ganoven- und Schelmenroman im Stil von «Rififi» oder «Ocean’s Eleven»? Echt jetzt? Nun, Whitehead mag nach eigenem Bekunden diese Filme sehr und hatte Lust auf einen Ganovenroman im schwarzen New York. Für «Underground Railroad» über das geheime Fluchtnetzwerk von Südstaaten-Sklaven im frühen 19. Jahrhundert und «Nickel Boys» über das Schicksal schwarzer Jugendlicher in einer Jugendstrafanstalt hat Colson Whitehead zweimal hintereinander die begehrteste US-Auszeichnung, den Pulitzerpreis, erhalten: wütende Romane über Whiteheads rassistisches Heimatland. Barack Obama zählte sie zu seinen Lieblingsromanen.

Eine Tragikomödie des schwarzen Kleinbürgers

Brillant ist auch «Harlem Shuffle», aber mit schelmischem Humor, skurrilem Ganovendrive im Stil eines Tarantino-Films und detailliertem Zeitkolorit. Der Roman spielt 1959, 1961 und 1964. Im Zentrum steht Ray Carney, der sich hochstrampelt, gerne anständig wäre, aber als Möbelhändler, Gelegenheitshehler und treue Seele seines chaotisch-kriminellen Cousins für seine Familie etwas Wohlstand und eine Wohnung am Riverside Drive möchte – dort, wo die ratternde Hochbahn nicht mehr den Schlaf raubt.

Für den gesellschaftlichen Aufstieg aber muss sich der liebenswürdige Kleinbürger Ray im ruppigen, sommerlich heissen Harlem mit korrupten Cops, Mafiosi, Dealern, geldgierigen weissen Baulöwen und hochnäsigen Schwiegereltern herumschlagen – und auch mal eine Leiche entsorgen. Ja, schwarzen Humor gibt es in diesem Roman, in dem sich die Schwarzen gegenseitig auch mal abschätzig «Nigger» rufen, zuhauf. Whitehead hat übrigens verlangt, dass die derbe Gossensprache unverblümt auch bei den Übersetzungen verwendet wird.

Ray Carneys Werdegang zwischen 1959 und 1964 hält elegant die Balance der Tragikomödie. Whiteheads stilistische Kunst: Figuren und soziale Milieus lebensprall und präzis im historischen Kontext auch mit biografischer Tiefe zu verankern, gleichzeitig aber das Erzählte als zeitlose Geschichte zu erzählen. Das kann man auch in seinem neuen Roman bewundern. Deshalb sagt Colson Whitehead selbst, er habe nicht nur einen historischen Roman geschrieben:

«Harlem ist einfach ein weiterer Ort, wo Leute ihre kleinen Träume verfolgen, sich anstrengen, scheitern, sich gegenseitig mies behandeln und dann sterben.»

Rassismus grundiert die Ganovenstory

Und wo bleibt die Rassismuskritik des Autors? Whitehead ist zunächst ein akribisch recherchierender Schriftsteller: Ob Sofagarnitur, Fernsehgerät, Anzug, Kinofilm oder Tresor – er hat das Bühnenbild seiner fiktiven Geschichte exakt ausgestattet. So erfunden Ray ist, so historisch präzis bettet er die Figuren in die Rassismusgeschichte der USA ein: Rays Frau Elisabeth arbeitet für Black Star Travel, die Reisen von Schwarzen in sichere Hotels der Südstaaten organisiert; der Rassismus unter Schwarzen gegen zu Dunkelhäutige ist Rays Problem mit seinen Schwiegereltern; der Aufstand und die Plünderungen 1964 nach dem Mord eines Polizisten an einem unbewaffneten schwarzen Jugendlichen untermalt den dritten Teil des Romans zum furiosen Ende.

Whitehead greift aber auch in die Humorkiste, wenn der Ganove Arthur von sich behauptet, in der Ganovenwelt die Rassenschranke überwunden zu haben: Er sei der erste Schwarze, der Tresore knacken dürfe. Trotz Brutalität und Rassismus hält Whitehead den Gestus des Schelmenromans aufrecht. Humorvoll zeichnet er seine Hauptfigur: So sagt der Kleinbürger Ray etwa zu den Bebop-Konzerten, das sei ein «Zimmer voller Irrer», ungeschickt aber vermasselt Ray das erste Familienfoto mit seiner Polaroid.

Whitehead beherrscht alle sprachlichen Tonlagen

Virtuos setzt Whitehead die sprachlichen Tonlagen ein: Vom machohaft-groben Gekeife der Ganoven («Dein Auge ist völlig am Arsch. Du siehst beschissen aus») geht er über in poetische Bilder («an manchen Abenden, wenn es kühl und still war, kam man sich vor, als wohnte man überhaupt nicht in der Stadt»), wechselt zu philosophischer Betrachtung («Nur ein träger Gott konnte die allumfassende Gemeinheit so ungeschönt darbieten»), um dann sarkastisch über seine desaströse Kindheit zu sagen, diese sei «auf jämmerliche Weise komisch», habe aber «rückblickend eine gewisse farbige Majestät».

Dass ein Whitehead diesen Roman schreiben würde, ist schicksalhaft. Die erste Gemeinde freier Schwarzer in New York hatte sich «Seneca Village» genannt und das Land von John Whitehead gekauft. 1857 wurden sie enteignet, das Dorf musste dem Central Park weichen, die Schwarzen wurden vertrieben.

Colson Whitehead: Harlem Shuffle. Roman. Übersetzt von Nikolaus Stingl. Hanser, 381 S.

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