Ein Westen zum Verrücktwerden

Frauen spielen im Western-Genre meist eine Nebenrolle. Das ist in Tommy Lee Jones zweiter Regiearbeit «The Homesman» anders. Sein grimmiges Frontier-Drama setzt den geschundenen Pionierinnen ein Denkmal. Hilary Swank spielt eine beherzte, tatkräftige Farmerin, die es den Männern zeigt.

Andreas Stock
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Ein Western in verkehrter Richtung: In «The Homesman» geht es von West nach Ost. (Bild: pd)

Ein Western in verkehrter Richtung: In «The Homesman» geht es von West nach Ost. (Bild: pd)

Sie pflügt den Acker, kocht, deckt den Tisch und fegt das Zimmer; dann putzt sie sich selber gut heraus und begrüsst einen heran reitenden jungen Mann. Nach dem Essen wird die gottesfürchtige Mary Bee Cuddy dem benachbarten Farmer recht unromantisch, doch pragmatisch die Vorzüge einer Heirat erläutern. Der sucht verschreckt das Weite – zu selbstbewusst und autoritär ist ihm die Farmerin. Er will im Osten sein Glück versuchen und eine junge Frau finden, die das karge Land mit ihm bestellt.

Dem Wahnsinn verfallen

Der Single-Farmer müsste sich nur bei den verstreut siedelnden Nachbarn umsehen, um zu merken, dass er eine gute Partie ausgeschlagen hat. Denn die beherzt zupackende Mary Bee (wunderbar burschikos: Hilary Swank) ist eine Pionierin, die es hier, im Nebraska der 1850er-Jahre und fern der behüteten Zivilisation, aushält. Und an Körper und Geist gesund bleibt, im Gegensatz zu anderen. In knappen, erschreckenden Rückblenden wird nämlich das bittere Schicksal von drei Frauen skizziert, die mit den harschen Lebensbedingungen nicht zurechtkommen und darob wahnsinnig geworden sind.

Bittere Lakonie, eigener Akzent

Der amerikanische Schauspieler Tommy Lee Jones, der 2005 mit seinem beeindruckenden Regieerstling «The Three Burials of Melquiades Estrada» ein mexikanisches Grenzdrama mit Western-Anklängen inszeniert hat, ist mit «The Homesman» ganz beim Spätwestern angekommen. Die bittere Lakonie erinnert an die Western von Clint Eastwood; die Inszenierung der Landschaft als eine Topographie, die sich in die Gesichter und Charaktere eingräbt, an John Ford. Immer wieder blickt die Kamera über das karge Land, deren weiter, flacher Horizont sich scharf vom Himmel abgrenzt. Dennoch setzt Tommy Lee Jones eigene Akzente, wenn es in der Männerdomäne Western bei ihm für einmal die Frauen sind, denen die Hauptrolle gehört.

Der Begleiter hängt am Baum

Die Männer sind in «The Homesman» unzuverlässig, egoistisch, grobschlächtig, wortkarg. Und sie drücken sich, wenn es darauf ankommt. Nämlich als der Reverend der kleinen Gemeinde vorschlägt, die erwähnten drei kranken Frauen in kirchliche Obhut zu bringen. Schliesslich muss sich Mary Bee bereit erklären, mit den drei Frauen die rund fünfwöchige, gefahrvolle Reise in den Osten zu unternehmen. Eine männliche Begleitung für die beschwerliche Fahrt findet sie an einem Baum. Die einstige New Yorker Lehrerin rettet den Herumtreiber George Briggs (Tommy Lee Jones) vom Galgen. Sie ringt dem vor der Armee desertierten Mann das Versprechen ab, sie sicher ans Ziel zu führen.

Ruppiger Erzählstil

Tommy Lee Jones dreht also nicht nur die Erzählperspektive, auch die Reiseroute ist verkehrt: nicht nach Westen, sondern von der Frontier gen Osten führt die Geschichte. Dass sich unterwegs die zentrale Konstellation überraschend verändert, nimmt dem Film etwas von seiner erzählerischen Prägnanz, auch wenn die Wendung dramaturgisch begründet ist. Überhaupt inszeniert der Schauspieler-Regisseur sein Drama mit teils irritierenden Szenenwechseln. Der etwas ruppige Stil ist ungewohnt, passt aber zum grimmigen Blick auf einen amerikanischen Mythos, der hier jegliche Pionier-Romantik vermissen lässt.

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