«Ein wenig nach dem Glück greifen»

Im zweiten Band der Waldgut-Reihe «Zoom» wird geraucht und getrunken, geliebt und verlassen. Bohemien Yves Rechsteiner versammelt in «Und dann fängt die Vergangenheit an» herrliche Geschichten von unterwegs zwischen Verführung und Verzweiflung.

Dieter Langhart
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Yves Rechsteiner: Und dann fängt die Vergangenheit an. Erzählungen. Waldgut 2016, 150 S., Fr. 28.–

Yves Rechsteiner: Und dann fängt die Vergangenheit an. Erzählungen. Waldgut 2016, 150 S., Fr. 28.–

Dem Frauenfelder Verleger Beat Brechbühl (76) gehen die Ideen nicht aus. Vor zwei Jahren begann er mit «Zoom» eine Reihe «für junge Literatur», für «frische, neue Formen». Im ersten Band, Regula Wengers «Leo war mein erster», räumte und putzte Pia die Wohnungen von Verstorbenen; jetzt begleitet Yves Rechsteiner in «Und dann fängt die Vergangenheit an» einen Globetrotter um die Welt. Das liest sich spritzig und bietet dennoch genügend Haken.

Autobiographische Spuren

In zehn der zwölf Geschichten teilt ein Ich-Erzähler seine Begegnungen und Eindrücke fernab der Heimat, wo er es nie lange aushält. Er reist von Saigon über Japan bis Tanger (William S. Burroughs lässt grüssen). Der Mann mag an den Basler Autor erinnern, Jahrgang 1974, der sich als «Liebhaber des unkonventionellen und bohemianischen Lebens mit ausgedehnten Reisen» bezeichnet, denn nicht immer wahrt Rechsteiner genügend Abstand zu der Figur.

Der Protagonist raucht Kette, trinkt ausgiebig, hängt ab. Er lässt keine Liebschaft aus, auch wenn sie – wie er weiss – nur auf Zeit ist. Und er denkt andauernd nach, mehr über sich als über die Orte, an denen er sich aufhält.

Drei Typen in einer Penner-Bar

Rechsteiner skizziert die Figuren flüchtig, sie brauchen nicht haften zu bleiben – dem Erzähler ergeht es nicht besser. Dichte Sätze gelingen dem Autor, wenn er Stimmungen und Gefühle einfängt. Lebendig zeichnet er etwa in der titelgebenden Erzählung «Und dann fängt die Vergangenheit an» (der einzigen in Er-Form) die drei Typen, die sich in der Penner-Bar treffen und sich die endende Freundschaft eingestehen müssen.

Noch stärker «Die Momente kurz vor dem Erwachen», die den Band beschliessen. Der Erzähler spricht ein imaginäres Du an, das die Passkontrolle in Tanger überstanden hat, aggressive Faux-Guides abwimmeln muss, sich unendlich einsam fühlt («diese langersehnte Reise, sie macht wenig Sinn ohne Liebe»), ziellos durchs Land fährt. Dann spricht ihn Fatima mit dem «unerträglich schönen Gesicht» an.

Er trifft sie heimlich, liebt sie (ist nicht ihr erster Mann), sie will heiraten, er verspricht es ihr, ruft nicht mehr an, haut wieder ab, stellt sich auf der Fahrt die Hochzeit vor: «Und jeden Tag sagst du dir: Du fährst jetzt runter zu Fatima, und jeden Tag tust du es dann doch nicht und bleibst es ihr, dir und dem Universum schuldig.» Und am Ende der Geschichte, in Tanger, erwartet ihn der Faux-Guide im Teehaus: «Ich hab dir doch gesagt, wir sehen uns wieder.»

Atmosphärisch dicht

Yves Rechsteiner ist ein hervorragender Beobachter. Er erzählt lakonisch, atmosphärisch dicht, wenn auch nicht mit der Kargheit eines Hemingway oder Richard Ford. Ein melancholischer, fast resignierter Ton grundiert das Buch, bricht sich mit den Farben, die immer wieder aufleuchten. Bisweilen geraten Sätze zu grossspurig («Gedanken können mächtig sein, mächtiger als die Wirklichkeit»), bisweilen missraten Bilder («Ich spüre, wie mir das Kompliment in den Kopf steigt und dort mit Blut um sich spuckt»). Yves Rechsteiner ist ein eindrückliches Buch vom Treffen und Abschiednehmen gelungen, denn ihm geht es um Menschen, nicht um Orte. «Nachdem sie noch einige Drinks getrunken haben, gehen sie auf die Strasse hinaus […], um dann vielleicht zu tanzen und sich in einer Bar zu küssen, ein wenig nach dem Glück zu greifen.»

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