Ein Wein wie ein dicker, heftiger Kuss

Mit Blick auf die Eröffnung des längsten Bahntunnels der Welt ist diese Anekdote besonders hübsch. Sie erzählt von einem Bahntunnel südlich von Wien, dem ältesten in ganz Österreich und 1841 erbaut, der auch als «Busserltunnel» bekannt ist.

Beda Hanimann
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Mit Blick auf die Eröffnung des längsten Bahntunnels der Welt ist diese Anekdote besonders hübsch. Sie erzählt von einem Bahntunnel südlich von Wien, dem ältesten in ganz Österreich und 1841 erbaut, der auch als «Busserltunnel» bekannt ist. Weil er nur 156 Meter lang ist, reichte die Zeit damals nicht, um in den Waggons das Licht anzumachen. Das war natürlich eine schöne Verlockung, wenn man in passender Begleitung war. Ein Busserl ist in Österreich ein flüchtiger Kuss.

Dort, wo die Südbahn in den Busserltunnel taucht, liegt die Rebparzelle Patzen, die mit Zierfandler-Trauben bestockt ist und von Bernhard Stadlmann bewirtschaftet wird. Der Wein, der aus dem Tunnel-Rebberg hervorgeht, ist allerdings mehr als ein Busserl. Er ist ein heftiger, dicker Kuss. Will sagen: ein voluminöser, kraft- und gehaltvoller Weisswein mit grandioser Säure und wundervoll würzigem Abgang und Lagerpotenzial.

Die Sorte der Thermenregion

Zierfandler ist eine autochthone, also ortstypische Sorte der Thermenregion in Niederösterreich südlich von Wien. Entstanden ist sie aus einer natürlichen Kreuzung zwischen dem Roten Veltliner und einer Traminer-ähnlichen Rebsorte, mit dem ähnlich klingenden roten Zinfandel hat sie nichts zu tun. Der Zierfandler reift spät, ist anfällig auf Winterfrost und Edelfäulnis. Er verträgt Trockenheit gut und stellt geringe Ansprüche an den Boden.

In der Thermenregion findet der Zierfandler die Bedingungen, die er liebt: ein fast mediterranes Klima mit heissen Sommern und trockenen Herbsten. Die Anbaufläche beträgt gerade 85 Hektaren, das entspricht 0,2 Prozent des gesamten österreichischen Rebbaugebietes. Die Thermenregion mit einer Rebfläche von knapp 2500 Hektaren wurde auch schon als «Burgund Österreichs» bezeichnet, sie erbringt im südlicheren Teil kräftige, gehaltvolle Rotweine, im Norden volle, reife Weissweine.

Der Weintresor

Dass Stadlmanns Zierfandler in der Schweiz erhältlich ist und am kommenden Wochenende in St. Gallen degustiert werden kann, ist den früheren «Tagblatt»-Journalisten Thomas Müller und Sybil Jacoby zu verdanken. Die beiden arbeiten seit einigen Jahren unter dem Label «Weintresor» mit vier österreichischen Winzern zusammen. Es ist ein Weinprojekt der besonderen Art, das von der Frage ausging: «Würde sich ein junger Winzer finden lassen, der für uns von stets derselben kleinen Parzelle jedes Jahr ein paar hundert Flaschen produziert?»

So sind die beiden auf Bernhard Stadlmann, Hannes Schuster, Georg Schneider und Erwin Tinhof gestossen, die für sie einen Zierfandler, einen Blaufränkisch, einen St. Laurent und einen Neuburger keltern. Das besondere: Von den vier «Weintresor»-Weinen sind stets mehrere Jahrgänge erhältlich. Müller spricht deshalb auch von einem «Archiv der Weinjahrgänge».

Bekenntnis zum Holzfass

Zierfandler-Produzent Stadlmann führt seit 2006 in Traiskirchen ein Weingut, das seit sieben Generationen im Besitz der Familie ist. Er findet, ein Winzer müsse seinen ursprünglichen Ideen in jeder Hinsicht treu bleiben – und schwört auf den Ausbau in grossen Holzfässern. Auch sein Zierfandler reift zehn Monate im 2000 Liter fassenden Holzfass.

Weintresor-Degustation im Weinkeller an der Breitfeldstrasse 3 in St. Gallen, Freitag, 3. Juni, 16–19 Uhr, und Samstag, 4. Juni, 11–17 Uhr www.weintresor.net

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