Das Gurdjieff Ensemble: Musikalische Botschafter Armeniens

Grenzenlos hat sich der Meisterzyklus am Freitagabend zum diesjährigen Abschluss der Reihe erwiesen: Zu Gast in der Tonhalle St. Gallen war das Gurdjieff-Ensemble. Es versetzte das Kammermusikpublikum in Staunen und Entzücken.

Bettina Kugler
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Das Gurdjieff-Ensemble aus Armenien vor seinem Auftritt in der Tonhalle. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Das Gurdjieff-Ensemble aus Armenien vor seinem Auftritt in der Tonhalle. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Allein schon die Namen der Instrumente sind Musik, eine grenzenlose Sinfonie: Kamantsche und Zurna, Duduk und Oud, Santur, Zimbeln, Tmbuk und Dap. Blas-, Schlag- und Saiteninstrumente, die auf denen seit Jahrhunderten traditionelle Volksmusik aus Armenien gespielt wird. Dass es die Lieder, geistlichen Gesänge und Tänze überhaupt noch gibt, ist vor allem Georges Iwanowitsch Gurdjieff (1866–1949) zu verdanken, der sie in Stücken und Fragmenten für Klavier verarbeitet und gerettet hat, ebenso Komitas Vardapet.

Premiere in der Tonhalle für Duduk, Oud und Zurna

Wie Béla Bartók in Ungarn und Rumänien, wie Leoš Janáček in Mähren zog dieser durch Armenien und sammelte die im dörflichen Alltag und bei Festen gespielte Musik. Heute trägt sie Levon Eskenian mit dem von ihm gegründeten Gurdjieff Ensemble in alle Welt. Seine Musiker treten in Konzertsälen wie der Elbphilharmonie auf; sie in der Tonhalle St. Gallen zu hören, war zum Abschluss des Meisterzyklus am Freitag eine Sternstunde – und eine Reise auf wenig bekanntes musikalisches Terrain.

So hatte es denn auch etwas von einem Konzert im Stil von Brittens «Young Person’s Guide To The Orchestra» oder von «Peter und der Wolf» ohne Erzählung, dieses Entdecker-Konzert in zwei Teilen: «Musik hören» war der erste überschrieben, «Musik erfahren» der nach der Pause. Hier stellte Levon Eskenian die Musiker, ihre Instrumente, deren Geschichte und Verwendung vor; nach dem Konzert konnte man sie aus der Nähe betrachten. Schön, erst einmal einzutauchen in jene Welt, die ein paar Fotos im Programmheft vor Augen führen, mit tanzenden Frauen, Kindern und Männern vor dem Kloster St. Karapet und dem Klosterbau aus dem 4. Jahrhundert. Sanft und leise durchweht die Musik den Saal, macht ganz still beim Hören: Gleich zu Beginn im «Gebet» am Kanun, der Kastenzither des Orients, und dem «Gesang aus einem heiligen Buch», gespielt auf zwei Duduks – das sind Rohrblattinstrumente aus Aprikosenholz, weich im Ton, der menschlichen Stimme ähnlich. Doch auch die Tänze aus verschiedenen Sammlungen Gurdjieffs und Komitas’, rhythmisch begleitet von der Dap, einer Rahmentrommel, haben etwas Spirituelles, sind nicht wild und eruptiv, sondern von einer schwebenden Leichtigkeit, Sanftmut.

Dem Himmel nahe und sacht geerdet

«Musik hören», das war auch für die Musiker des Ensembles und ihren Leiter und Arrangeur Programm in der Tonhalle. Die meisten der kürzeren Stücke waren solistisch oder klein besetzt: Zeit für die anderen, aufmerksam zu lauschen, sich tragen zu lassen von den ausschwingenden Melodien, den sacht schreitenden Rhythmen. Hin und wieder singt Vladimir Papikyan, sonst spielt er Santur, das persische Hackbrett mit seinem fein rieselnden hellen Klang. Musik, dem Himmel nahe und zugleich geerdet: Dass sie weithin über alle Berge zu hören sein kann, zeigte sich später, als eine kräftige Trommel und die Zurna zum Einsatz kamen. Grenzenlos stark und eindringlich.