Religion
Ein vergessener Altar für ein schwules Paradies

Zwei Männer liessen 1925 im kleinen Dorf Minusio einen homoerotischen Tempel bauen. Ihr Erbe gibt noch heute zu reden und wird endlich aufgearbeitet.

Mathias Balzer
Merken
Drucken
Teilen
Das Rundbild «Klarwelt der Seligen» soll dem Vergessen entrissen und ab 2019 dem Publikum zugänglich gemacht werden. zvg

Das Rundbild «Klarwelt der Seligen» soll dem Vergessen entrissen und ab 2019 dem Publikum zugänglich gemacht werden. zvg

Sanctuatium Artis Elisarion

Das ist die kurze Geschichte einer untergegangenen Religion. Ihr Tempel wurde 1925 in Minusio, in der Bucht bei Locarno, erbaut. Das Haus steht noch, sein Innenleben aber wurde Ende der Siebzigerjahre geschleift. Herzstück des Baus war ein Rundbild, das in einer mit Oberlicht durchfluteten, mit Säulen verzierten Rotunde hing.

Auf dem 26 Meter langen, dreieinhalb Meter hohen Gemälde sind 84 nackte Jünglinge zu sehen, die sich in einer paradiesischen Landschaft räkeln. Ein Gletscher, Meeresufer, mit Blumen übersäte Wiesen, idyllische Bergseen bilden die Bühne für die Lustwandelnden. «Klarwelt der Seligen» hat der Künstler Elisàr von Kupffer (1872– 1942) seinen Jünglingshimmel genannt. Er wäre beinah auf dem Müll gelandet.

Von Minusio aus in die Welt

Der aus Riga stammende von Kupffer und sein deutsch-russischer Lebenspartner Eduard von Mayer (1873–1960) siedelten sich nach Reisen durch Europa 1915 im Tessin an. Im Gepäck hatten sie eine Vision: Die von ihnen gegründete Religion, der Klarismus, sollte von Minusio aus in die Welt ausstrahlen. Wie andere neureligiöse Strömungen dieser Zeit, etwa Helena Blavatskys Theosophie oder Rudolf Steiners Anthroposophie, wollte der Klarismus Antwort und Gegenpol zum naturwissenschaftlichen Weltbild sein – und zu den Moralvorstellungen jener Zeit.

Elisàr von Kupffer

Elisàr von Kupffer

PD

Von Kupffer und von Mayer skizzierten Entwürfe einer Reform von Boden und Ernährung, ebenso einen dritten Weg zwischen dem Kapitalismus und dem Kommunismus. Vor allem aber proklamierten sie eine Gleichstellung der Geschlechter und bezogen sich auf Forderungen der Frauen- und Homosexuellen-Emanzipation. Von Mayer entwarf in seinem Buch «Mysterium der Geschlechter» ein Ideal, in dessen Zentrum die Figur des «Araphroditen» steht. Er ist das Fernziel des Klarismus – der Mensch, der die Grenzen seines Geschlechts über- wunden hat.

Eine Religion braucht einen Tempel, und so liessen sich die begüterten Visionäre in Minusio 1925 eine Villa in sizilianischem Stil bauen, das Sanctuarium Artis Elisarion. Zur Ergänzung des Paradiesbildes schmückte von Kupffer das üppig ausgestattete, mit Perserteppichen ausgelegte Haus mit Gemälden in symbolistischer Manier. Darauf vollziehen Jünglinge und Priester, nackt oder in durchsichtigen, knapp geschnittenen Gewändern Initiationsriten zum Klarismus, oft in Anlehnung an christliche Ikonografien. Der Künstler selbst nannte sich Elisarion und empfing seine Gäste als Ritter oder blumenumkränzter Knappe. So zeigen es Fotografien aus jener Zeit.

Der ehemalige Tempel ist heute das Kulturzentrum von Minusio

Der ehemalige Tempel ist heute das Kulturzentrum von Minusio

Stefan Meier

Der Kanton schlägt das Erbe aus

Von Kupffer starb 1942, von Mayer 1960. Er hat das Sanctuarium samt Inhalt dem Kanton Tessin, das Grundstück der Gemeinde Minusio vermacht – mit der Auflage, das Anwesen im ursprünglichen Zustand zu erhalten. Der Kanton schlug das Erbe aus. Vermittler traten auf den Plan. Letztendlich einigte man sich darauf, dass die Gemeinde die Villa übernimmt, jedoch nicht, um dort den Tempel des Eros zu erhalten, sondern um ein Kulturzentrum mit anderen Inhalten einzurichten.

«Trotz heftiger Proteste verschiedener Kulturhistoriker wurde das Gebäude in den späten Siebzigerjahren durch Umbaumassnahmen weitgehend zerstört», schreibt der Kunsthistoriker Fabio Ricci in seiner Publikation zu von Kupffers Werk. Dessen Bilder lagern seither in einem notdürftig eingerichteten Archiv. Dem Kuratoren Harald Szeemann, der im nahe gelegenen Tegna lebte, gelang es während dem Umbau, «Klarwelt der Seligen» zu retten.

Das Panoramabild wurde in einem eigens dafür installierten Holzbau auf dem nahe gelegenen Monte Verità untergebracht. 1978 widmete die Zeitschrift «Du» dem Gesamtkunstwerk eine Doppelseite. Szeemann brachte es 1978 mit seiner Ausstellung «Monte Verità – Die Brüste der Wahrheit» nach Wien. Die Kunsthalle Basel hat das Rundbild 1979 gezeigt. Danach geriet es langsam in Vergessenheit. Das Holzhaus auf dem Monte Verità wurde bald geschlossen und als Möbellager für das Hotel genutzt.

Warum in Ungnade gefallen?

Warum aber hat die Gemeinde Minusio das Sanctuarium damals nicht im ursprünglichen Zustand erhalten? Claudio Berger, Kurator des heutigen Kulturzentrums, sieht den Grund vor allem darin, dass die Gemeinde ein eigenes Kulturzentrum wollte. Er glaubt nicht, dass es der katholisch geprägten Gemeinde vor allem darum ging, den Tempel homoerotischer Kunst zu schleifen. Genau wisse er es aber nicht. Diejenigen, die damals die Räumung des Hauses veranlasst haben, leben alle nicht mehr.

Anderer Meinung ist David Streiff. Der ehemalige Direktor des Filmfestivals in Locarno und des Bundesamtes für Kultur in Bern setzt sich seit 2008 mit dem Verein Pro Elisarion für die Rettung des Rundbildes und den sorgfältigen Umgang mit dem homoerotischen Gesamtkunstwerk ein. Ab 2019 soll die «Klarwelt der Seligen» wieder einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden (siehe Interview).