Ein US-Irak-Krieger taumelt zurück ins Leben

Brad Skinner kommt aus dem Irak-Krieg und «klammert sich an die Idee, dass die Lust auf Leben schon wiederkommen würde, wenn er nur ordentlich einen drauf machte». Wer heil aus einem Krieg zurückkommt, hat Glück gehabt.

Bernadette Conrad
Drucken
Teilen
Atticus Lish: Vorbereitung auf das nächste Leben. Roman. 539 Seiten. Arche-Verlag 2015. Fr. 27.90.

Atticus Lish: Vorbereitung auf das nächste Leben. Roman. 539 Seiten. Arche-Verlag 2015. Fr. 27.90.

Brad Skinner kommt aus dem Irak-Krieg und «klammert sich an die Idee, dass die Lust auf Leben schon wiederkommen würde, wenn er nur ordentlich einen drauf machte». Wer heil aus einem Krieg zurückkommt, hat Glück gehabt. Er hat die Hölle überlebt, ist ihr entronnen ohne verstümmelte Gliedmassen – ohne sichtbare Schäden. Was aber ist mit all dem, was ein Kriegsveteran in sich trägt – den Erinnerungen, der Schuld, den nächtlichen Flashbacks? In seinem umfangreichen Débutroman «Vorbereitung auf das nächste Leben» erzählt der 43jährige amerikanische Autor Atticus Lish die Geschichte eines jungen Mannes, der im Irak gekämpft hat und sich nun in New York wieder zu orientieren sucht. Dafür erhielt Lish den PEN/Faulkner Award.

Hirn am Stiefel abbekommen

In verknappt lapidarer Sprache erzählt Lish die Brutalität des Krieges. Man muss aushalten, wenn Skinner erzählt, seine Stiefel hätten viel Hirn von jemandem abbekommen. Oder dass es auch Lust am Töten gegeben habe. Krieg erscheint als schauriger Albtraum, der den Veteranen verfolgt. Skinner trifft jedoch Zou Lei, eine junge Chinesin. Mit ihr kommt Hoffnung in sein Leben. Aber aber auch ein weiteres Trauma: nämlich jenes, das die illegalen Einwanderer in Amerika erleben, die der Willkür ihrer Arbeitgeber ausgeliefert sind. Die beiden tun sich zusammen und ringen um eine Beziehung unter härtesten Bedingungen. Atticus Lish präsentiert einen Stapel knallharter Themen des nicht glamourösen Amerika: überfüllte Gefängnisse, Drogen, Waffen, Armut – und es leuchtet ein, dass alle diese Themen sehr eng miteinander zusammenhängen, wenn man so eine bittere Ausgangslage hat wie die beiden Protagonisten des Buches.

Aus Harvard rausgeflogen

Lish selbst, der Autor, ist ein Abenteurer, der China gut kennt und Mandarin spricht, einer, der kurze Zeit bei der Armee war, auf dem Bau, in Küchen, als Wachmann gearbeitet hat. Ungewöhnlich ist das nur deshalb, weil er als Sohn von Gordon Lish einen elitären Background hat: Gordon Lish ist einer der grossen amerikanischen Verleger. Er ist vor allem bekannt, weil er Raymond Carver verlegt und gross gemacht, aber dessen Texte auch schwer manipuliert hat. Atticus hat sich von ihm distanziert, hat aber als Jugendlicher die besten Schulen besucht, studierte in Harvard, wo er nach zwei Jahren rausflog und ein Abenteurerleben begann. Mit über 30 hat er dann doch in Harvard seinen Abschluss gemacht und begann, Bücher zu schreiben. «Vorbereitung auf das nächste Leben» ist ein Buch, das man beeindruckt und beelendet liest – so nah an die unerträgliche Unterseite von Amerika herangeführt zu werden, ist bereichernd, aber auch schwer auszuhalten. Schwer auszuhalten ist aber auch, dass das Buch wie ein Action-Film erbarmungslos durch den Plot rast – und sich dem Innenleben der Figuren kaum zuwendet.

Aktuelle Nachrichten