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Ein ungeheurer Sog - Junges Theater Thurgau spielt «Nüt»

Ein happiges Stück hat das Junge Theater Thurgau ausgewählt: «Nüt», frei nach Janne Tellers Jugendroman «Nichts, was im Leben wichtig ist». Eine beeindruckende Inszenierung, die nicht nur leer schlucken lässt.
Dieter Langhart
Sich mit sich selber auseinandersetzen müssen: Junges Theater Thurgau spielt «Nüt». (Bild: Lukas Fleischer)

Sich mit sich selber auseinandersetzen müssen: Junges Theater Thurgau spielt «Nüt». (Bild: Lukas Fleischer)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Licht aus. Totenstille. Zwei Mädchen gehen ab, singen Frances’ Lied «Don’t Worry About Me»: Denn wenn ich falle, fällst auch du, und wenn ich aufstehe, werden wir gemeinsam aufstehen. Das ist grosses Kino zum Schluss des Stücks «Nüt». Am Freitag ist es im Eisenwerk Frauenfeld uraufgeführt worden von zehn jungen Frauen und Männern des Jungen Theaters Thurgau. Sie haben sich und dem begeisterten Publikum dies bewiesen: Das Leben hat doch eine Bedeutung.

Sie haben ihren Kameraden Pierre Anthon widerlegt, der gesagt hatte, nichts bedeute etwas, deshalb lohne es sich nicht, irgendetwas zu tun. Sie haben gegen ihn gehalten und einen Berg der Bedeutung aufgeschichtet mit Dingen, die ihnen sehr wichtig sind. Doch dann lief alles aus dem Ruder.

Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens

Viel Lärm um nichts gab es, als die Dänin Janne Teller 2010 einen Nerv traf mit ihrem Jugendbuch «Nichts. Was im Leben wichtig ist». Die erschütternde Geschichte über Jugendliche und ihre verhängnisvolle Suche nach Sinn in einer sinnentleerten Gesellschaft wurde bejubelt, aber auch kritisiert oder gar verboten. Der starke Roman zeige, «dass Bedeutung nicht allein in den Dingen liegen kann», schrieb Bettina Kugler in dieser Zeitung.

Petra Cambrosio führt erstmals am Jungen Theater Thurgau Regie. Sie versteht den Stoff als das, was er ist: ein Plädoyer für die Suche nach dem Sinn im eigenen Leben und kein nihilistisches Pamphlet.

«Das Leben ist die Mühe überhaupt nicht wert» (Pierre Anthon)

Als Basis nahm sie Andreas Erdmanns Bühnenfassung, gab allen Figuren einen Namen, straffte die Dialoge, ersetzte die teils krassen Gegenstände, die sie auf Geheiss der andern auf den Bedeutungsberg legen mussten. In Frauenfeld begann es mit Zoras Lieblingssocken (von den Spice Girls signiert) und Charlys Chirurgielehrbuch (er will Arzt werden und seine kranke Mutter heilen).

Die Persönlichkeiten der Darsteller fliessen mit ein

Als dramatischen Kniff fügt Petra Cambrosio eine zweite Runde von Opfern hinzu: «Es muss gesteigert werden», sagt Andrew. Dafür deutet sie das grausame Finale lediglich an. Ähnlich wie Enrico Beeler in seiner Inszenierung am Jungen Schauspielhaus Zürich vor sechs Jahren lässt Petra Cambrosio die Figuren reden, lässt die Erzählerin Agnes sich mit Clyde einen neuen Namen geben (und lagert die Erzählerin in die Figur der Reporterin Monika aus), lässt Pierre Anthon aus dem Off sprechen und erst am Schluss auftreten. Und sie arbeitet die grossen Gefühle heraus: den Verrat und die Verletzung, den Zweifel und die Scham und die Wut.

Ganz stark setzt die Regisseurin auf die Persönlichkeiten der zehn Darsteller zwischen 17 und 21: Kleidung, Accessoires, Haltung, Sprachduktus – alles widerspiegelt auch die eigene Person. Und derart spielen sie auch sich selbst, aber nie aus dem Kopf heraus: intensiv, fordernd, verletzlich, schüchtern. An der Premiere packten die zehn ungemein viel Druck in ihr Spiel, mehr als bei den Proben spürbar war. Darum geht es: man selbst zu sein, über sich hinaus zu wachsen und zwei Flüchtlinge aus Afghanistan in der Gruppe aufzunehmen.

Fast monochrom hält Gabor Nemeths die Bühne – Farbe geben Kleider und Lieder, ebenso die Lichtführung und die eingespielte Musik (Jon Brunke). Die Inszenierung lebt von Tempo- und Stimmungswechseln, von poetischen Momenten und überraschenden Effekten wie einer befreienden Tanzeinlage zu Snaps Song «Rhythms is a Dancer». Und selbst das raffinierte Förderband in der alten Schaufensterpuppen-Fa­brik wird zum leise summenden Darsteller. Unbedingt ansehen!

«Nüt»: Das Junge Theater Thurgau spielt «Nüt» nach Janne Tellers Jugendroman «Nichts». Die Aussage «Nichts bedeutet irgendetwas » Pierre Anthons fordert seine Klassenkameraden heraus. Spiel: Sara-Jane Demeulemeester, Corine Fischer, Sarina Hess, Esmail Ibrahimi, Aleena Krähenmann, Nassim Mozzafari, Zeno Ruzzo, Eric Scherrer, Alena Weber, Sara Weber. Regie/Dramaturgie: Petra Cambrosio. Spieldaten: 3.–5./9.–11.5., Fr/Sa 20, So 18 Uhr, Eisenwerk Frauenfeld

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