Ein unerklärlicher Mord

LESBAR EMIGRATION

Erika Achermann
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Gasdanow_25047_MR.indd (Bild: Erika Achermann)

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LESBAR EMIGRATION

Als vor drei Jahren «Das Phantom des Alexander Wolf» erschien, glich das einer Sensation. Nun gibt es einen weiteren Roman des Russen Gaito Gasdanow auf Deutsch: «Die Rückkehr des Buddha». Schauplatz ist Paris zwischen den Weltkriegen. Auch in diesem Roman geschieht ein Mord und die Frage ist nicht, «Wer ist schuld?», sondern: «Wurde er umgebracht oder hat er jemanden umgebracht?» Ein russischer Student leidet an Wahnvorstellungen, lernt einen Bettler kennen und trifft ihn zwei Jahre später als wohlhabenden Mann wieder. Für die Hauptfigur ist Paris ein Ort der Verunsicherung. Und wie Vladimir Nabokov ist bei Gasdanow, der von 1923 bis 1971 in Paris und München lebte, die Emigration das universale Modell der entfremdeten Welt, die den Menschen abstösst. Gasdanow gelingt es meisterhaft, den Krimi mit philosophischer Lebensbetrachtung zu verbinden. Eine wunderbare Lektüre, aber durch die Wahnvorstellungen muss man sich wie durch ein Labyrinth vortasten.

Gaito Gasdanow: Die Rückkehr des Buddha. Roman. Hanser, 2016. 224 S., Fr. 26.–

Eine Strasse in Moskau

«Ich schreibe keine Literatur, ich beschreibe das Leben», hielt Michail Ossorgin in seinen Erinnerungen fest. Wie Gasdanow lebte Ossorgin im Pariser Exil. 1922 wurde er aus Russland verbannt. Im Epos «Eine Strasse in Moskau» blickt der hervorragende Stilist in kurzen Kapiteln auf Moskau in den Jahren 1914 bis 1920 zurück. Die «alte Knechtschaft» im Zarenreich wurde gegen jene der Bolschewisten eingetauscht. Die Figuren: Der Ornithologe, dessen Forschungen nicht mehr benötigt werden, die Sechzehnjährige, die sich durch Moskau träumt. Der Philosophiedozent, der mit geschultertem Spaten zur Zwangsarbeit marschiert. Dem realen Erzählen stellt Ossorgin Alptraumszenen eines kriegsversehrten Offiziers gegenüber. «Alle Menschen seien gleich», meint dieser. Alle versehrt? In jenem Eckhaus wohnten übrigens der junge Tolstoi, Marina Zwetajewa, Boris Pasternak.

Michail Ossorgin: Eine Strasse in Moskau. Roman. Mit einem Nachwort von Ursula Keller. Die andere Bibliothek, 2015. 520 S., Fr. 51.–

Bild: Erika Achermann

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