Ein Tag am Meer auf Iranisch

Nach «A Separation» zeigt das Kinok den zuvor entstandenen «About Elly» von Asgar Farhadi, der sich in nie gesehener Weise mit der Stellung der Frau in seinem Heimatland auseinandersetzt.

Geri Krebs
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Unheilvoller Ausflug ans Kaspische Meer. (Bild: pd)

Unheilvoller Ausflug ans Kaspische Meer. (Bild: pd)

Es ist eine fröhliche Gesellschaft, die für einen Wochenendausflug von Teheran aus ans Kaspische Meer aufbricht. Drei Familien mit drei Kindern wollen am Strand zwei unbeschwerte Tage verbringen. Zu den drei Ehepaaren, die alle so zwischen dreissig und vierzig sind, kommen zwei Aussenseiter hinzu: Da ist zum einen Ahmad, ein alter Freund der einen Familie; er ist aus Deutschland zurückgekehrt, weil sich seine deutsche Frau von ihm getrennt hat. Und dann gibt es Elly, eine Kindergärtnerin, die nur eine der Frauen, Sepideh, flüchtig kennt; sie hat sie kurz vor der Reise zwecks Kinderbetreuung zum Mitkommen überredet.

Universelle Ferienstimmung

Am Ferienort stellt sich heraus, dass es mit dem gemieteten Ferienhaus ein Missverständnis gab. Das Haus ist bereits besetzt und so bleibt der munteren Reisegesellschaft nur eine leerstehende, recht verwahrloste Villa als Ausweichquartier. Es ist ein erster Schatten, der auf die heitere Ferienstimmung fällt, die so universell ist, dass man glatt vergisst, dass man sich in Iran befindet. Trotz einiger Unzulänglichkeiten mit dem Ferienquartier ist man ausgelassen. Man spielt, kocht, isst und scherzt zusammen; nach und nach versteht man die Konstellationen unter den Personen. Bald wird klar, dass Elly von Sepideh nicht nur zur Kinderbetreuung mitgenommen wurde; sie würde die Kindergärtnerin auch gerne mit Ahmad verkuppeln. Die beiden spielen dieses Spiel lachend sogar ein Stück weit mit, man glaubt einen Moment lang sogar, dass sich die beiden tatsächlich näherkommen könnten.

Nichts mehr wie zuvor

Doch dann, nach einer Dreiviertelstunde, kommt der Spielfilm zu einem abrupten Halt. Denn plötzlich ist nicht nur Elly verschwunden, sondern auch eines der Kinder. In Panik rennen alle am grauen Strand herum, das tosende Meer ist aufgewühlt, und irgendwann entdeckt man das Kind, leblos auf einer Welle treibend. Zwar kann das Kind gerettet werden, doch Elly bleibt verschwunden und taucht auch nicht wieder auf.

In der Stunde, die der Film jetzt noch dauert, werden alle bisherigen Konstellationen zwischen den Personen über den Haufen geworfen: Jeder macht jedem Vorwürfe, Feindschaften brechen auf und stets ändern sich die Allianzen zwischen den Beteiligten. Aus dem fröhlichen Ensemblefilm ist unmerklich ein Thriller geworden. Asgar Farhadi spielt Erklärungsmuster für das Verschwinden von Elly durch, deutet Schuldzuweisungen an, die er gekonnt ins Leere laufen lässt.

Mit zunehmender Dauer wird immer deutlicher, dass der Film eine harte Kritik an der Unterdrückung der Frauen in Iran darstellt. Er zeigt aber auch, wie schnell eine oberflächlich weltoffene Gemeinschaft unter dem Druck einer Extremsituation in erschreckend archaische Strukturen und Denkmuster zurückfällt. Und das ist nicht nur in Iran so.

Kinok Lokremise: Morgen, 20 Uhr; Mi, 16., 18.00; Sa, 19., 19.00; Mi, 23., 20.30; Sa, 26., 16.45; So, 27., 17.30; Mo, 28.11., 20.30 Uhr