Ein stilles Buch über die Freiheit

Jörg Steiner, 1930 als Sohn eines Beamten geboren und 2013 verstorben, war der Schweizer Autor, der sich am meisten versteckte. Seine Festung war seine Heimatstadt Biel, eine industrielle Agglomeration mit idyllischen Seiten.

Roland Mischke
Drucken
Teilen
Jörg Steiner: Ein Messer für den ehrlichen Finder, 300 S., Fr. 26.50

Jörg Steiner: Ein Messer für den ehrlichen Finder, 300 S., Fr. 26.50

Jörg Steiner, 1930 als Sohn eines Beamten geboren und 2013 verstorben, war der Schweizer Autor, der sich am meisten versteckte. Seine Festung war seine Heimatstadt Biel, eine industrielle Agglomeration mit idyllischen Seiten. Selten verliess er die Stadt, sie war seine Substanz, sein Grund und Boden, auch wenn er über die Verhältnisse dort auch kritisch schrieb. Nun hat der Zürcher Rotpunktverlag noch einmal Steiners 1966 veröffentlichten Roman «Ein Messer für den ehrlichen Finder» publiziert.

Mit Frisch befreundet

Steiner war – über die Deutschschweizer Grenzen hinaus viel zu wenig bekannt – ein Mann der Provinz, der er zu ihrem Recht verhelfen wollte. Sein Freund und Mentor Max Frisch hat das früh erkannt und gelobt. Beide waren Seelenverwandte. Frischs «Der Mensch erscheint im Holozän» soll von Steiners existenzialistischer Prosa inspiriert worden sein.

«Ein Messer für den ehrlichen Finder» war seinerzeit ein aufregendes Buch. Sein Protagonist José Ledermann ist in der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der unmittelbaren Zeit danach kein einfacher junger Mensch. Mit 16 Jahren wird er, im Bordell aufgewachsen, als Schüler schlecht, als Aufsatzschreiber herausragend, zum Gewalttäter. Ein Klassenkamerad betrügt ihn um sein zäh erspartes Rennrad, das kann Ledermann nicht hinnehmen. Er nimmt den Kampf gegen das Unrecht auf. Der Roman erzählt, warum er das tut, wie weit er dabei geht und wann er aufgibt.

Ungleichheit ist Steiners Thema

Der junge Mann wird in eine Erziehungsanstalt verbannt. Er fühlt sich von niemandem anerkannt, aber durch Spitzeldienste für das Arbeitsamt gelingt es ihm, in die Sphäre seines Amtsvormunds aufzusteigen – eine innere Befreiung. Ledermann geht unmoralischen Geschäften nach, avanciert zum Magazinverwalter eines Museums und erlebt persönliche Anerkennung. Aber er zahlt einen hohen Preis.

Das eigentliche Thema ist die Freiheit, die nur zugunsten von Unfreiheit teilweise zu erlangen ist. Steiner, der gelernte Volksschullehrer, kennt sich aus, eine Zeitlang war er auch Stadtparlamentarier in Biel. Die sozialen Verhältnisse, die Ungleichheit zwischen Menschen und das individuelle Kräftereservoir werden geschildert. Das «Messer für den ehrlichen Finder» wird nicht gefunden.

Peter Bichsel, sagt über seinen Freund Steiner, er sei «im Stillen ein grosser Autor» geworden, seine Prosa wäre «eher leise und insistierend» gewesen. Der Mann mit dem Wuschelhaar habe sich sein ganzes Leben lang gegen sämtliche Formen der Demütigung und den Zwang des Kuschens gewehrt. Privat war er warmherzig, den Menschen zugewandt, ohne viel Aufsehens um sich zu machen. Seine Sprache aber ist kühl und etwas sperrig – mit Absicht: Sie sollte die Entfremdungsmechanismen darstellen.

Aktuelle Nachrichten