Ein Stern über Skogli

Stille Nachtgestalten trennt und verbindet Bent Hamers Episodenfilm Home for Christmas – ab heute im Kino.

Bettina Kugler
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Bent Hamers Film «Home for Christmas» ist voll von traurigen Weihnachtsmännern. (Bild: pd/filmcoopi)

Bent Hamers Film «Home for Christmas» ist voll von traurigen Weihnachtsmännern. (Bild: pd/filmcoopi)

Das Christkind kommt in tief verschneiten Wäldern zur Welt. Ganz weit draussen in der norwegischen Provinz, wo die Strasse bereits in Wildnis übergegangen ist. «Sind Sie sicher, dass wir auf dem richtigen Weg sind?», fragt der Bereitschaftsarzt seinen Beifahrer, ungewiss, was ihn in den nächsten Minuten erwartet.

Ein Knabe ist es; die Eltern: Flüchtlinge aus Albanien.

Gerade noch vermeintliches Entführungsopfer, steht Geburtshelfer Knut nun wie ein Hirt vom Felde bei der heiligen Familie: Stille Nacht im hohen Norden. Von weissen Weihnachten muss in Bent Hamers «Home for Christmas» niemand träumen.

Leise und nordisch-spröde

Während noch einmal passiert, was abseits der glänzenden Dekoration an diesem Tag zu feiern ist, wird zeitgleich – Stichwort Fest der Liebe – ein Obdachloser auf der Schwarzfahrt nach

Hause mitten in der endlos weiten Landschaft des Kaffs namens Skogli vor die Tür gesetzt, eine Ehefrau zum vielleicht letzten Mal betrogen.

Ein unglücklich Geschiedener setzt seinen Nachfolger mit der Schneeschaufel matt und schleicht sich als Weihnachtsmann ins Haus, um den Kindern die Geschenke zu bringen. Christbaumverkäuferin Johanne bekommt Überraschungsbesuch von ihrer Jugendliebe und wärmt die Reste ihres Dinner for one auf.

Die Jugendliebe heisst Jordan und ist der blinde Passagier aus dem Schnellzug; unrasiert, abgerissen und ziemlich durstig.

Weihnachtliche Einsamkeit allüberall, gebrochene Idyllen, Hunger nach Licht. Die einen wahren den Schein, verschenken teure Seidenschals und Playstations, spielen bis zur Groteske die liebgewordene, laue Komödie weiter; andere brechen aus – oder sie feiern nicht, weil sie zugewanderte Moslems sind.

Wie Bintu, die ihren Schulkollegen überredet, mit ihr aufs Dach zu steigen und einen Blick durchs Teleskop auf das Sternenzelt über Skogli zu werfen. Solche sinnhaft aufgeladenen Zeichen ziehen sich wie eine Leuchtspur durch Ben Hamers leisen, nordisch-spröden Film mit seinen reduzierten Dialogen, seinen sanften Schnitten, langen Totalen und leisen Tonspuren.

Überdeutliche Botschaften

Nicht einmal den biblischen Kindermord vergisst der Regisseur ins Hier und Heute zu übersetzen. Und schafft es zugleich, der etwas überdeutlichen Botschaft des Films auch skurrile Seiten abzugewinnen. Wer jedoch traditionell vor Weihnachten die alte Videokassette mit «Harry und Sally» zur Einstimmung einlegt, wird sich von Hamer wohl kaum bekehren lassen.

ab heute im Kino Rex 2, St. Gallen