Ein Staatspräsident wie aus dem Bilderbuch

Ein Film für Politzyniker und all jene, die den Glauben an Demokratie und Solidarität aufgegeben haben. In «Pepe Mujica – el presidente» lernt man einen aussergewöhnlichen Menschen kennen. Dokumentarfilmerin Heidi Specogna porträtiert José Alberto Mujica, genannt Pepe; er ist Staatspräsident von Uruguay.

Andreas Stock
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Das Präsidentenpaar im Garten: Lucia Topolansky und Pepe Mujica. (Bild: pd/Filmcoopi)

Das Präsidentenpaar im Garten: Lucia Topolansky und Pepe Mujica. (Bild: pd/Filmcoopi)

Wer es nicht weiss, wird sich die Augen reiben: Der Staatspräsident von Uruguay lebt in einem sehr einfachen Bauernhaus ausserhalb von Montevideo und besitzt einen alten VW-Käfer. José Alberto Mujica spendet zudem fast 90 Prozent seines Lohnes an gemeinnützige Organisationen und unterstützt so auch ein Wohnbauprojekt, das bedürftigen Familien ein schlichtes Haus finanziert. Zuletzt setzte seine Regierung als erstes Land ein Gesetz um, das den Marihuanamarkt reguliert – um so gegen die Drogenmafia vorzugehen.

Die Debatte zum Gesetz bildet den roten Faden im Film von Heidi Specogna. Die aus Biel stammende Dokumentarfilmerin, die als Dozentin an der Filmakademie Baden-Württemberg tätig ist, schliesst mit «Pepe Mujica – el presidente» an eine ihrer früheren Arbeiten an. 1995 reiste sie ebenfalls mit Kameramann Rainer Hoffman nach Uruguay. Und erzählte in «Tupamaros» die Geschichte von Pepe Mujica und Lucia Topolansky. Ein Paar, mit dessen Biographie sich zugleich die bewegte Geschichte ihrer Heimat seit den 1960er-Jahren erzählen liess.

Zweite Reise, 20 Jahre später

Beide waren sie in der sozialistischen Stadtguerilla Tupamaros aktiv, die «als politische Bewegung mit Waffen» gegen die Militärdiktatur kämpfte. Beide erleiden jahrelang Haft und Folter. In «Tupamaros» zeigte Specogna, wie die beiden nach dem Ende der Diktatur und ihrer Freilassung ein politisches Bündnis gründeten; sie wurden ins Parlament gewählt, während sie weiterhin als Bauern und Blumenzüchter tätig waren. In ihren neuen Film fügt Heidi Specogna Szenen von 1995 ein; die kurzen Rückblicke vervollständigen das Porträt auf ideale Weise.

Die Rückkehr nach Uruguay, knapp 20 Jahre nach dem ersten Film, wurde initiiert durch einen Brief von Lucia Topolansky, der am Anfang des Films steht. Denn es ist viel passiert seither. Lucia ist Senatspräsidentin und Pepe Staatspräsident. Die Gespräche mit ihr und Pepe Muijca auf dessen Farm sowie mehrere seiner Reden stehen dann im Zentrum.

Glaubhafte Überzeugungen

Der alte Spruch, wonach Macht und Geld korrumpieren, gilt zumindest für Pepe Mujica nicht. Dieser Mann ist kein Jota von seinen Überzeugungen abgerückt, die er so glaubhaft wie charmant vertritt. Wenn er die Mechanismen des Kapitalismus kritisiert, die Politik als Lebensschule sieht («Es gibt keine Lehrgänge für Präsidenten») oder Skepsis gegenüber Zeitgeist und Jugend formuliert, geschieht das mit leisem Humor. Ein Höhepunkt ist sein Staatsbesuch in Deutschland; wenn der 80jährige Präsident im legeren Jackett auf all die Anzugträger mit Krawatte trifft und zahlreiche Händen schüttelt, darunter auch jene von Angela Merkel, wird deutlich, wie anders die Welt dieses einfachen, intelligenten Mannes aussieht.

Differenzierter Blick

Manchmal scheint dieser Politiker wie eine Utopie. Weil das eigene Vertrauen getrübt ist durch die alltägliche Politik, will man dies alles nicht recht glauben. Doch Specogna zeigt auch einen leicht ungehaltenen «Presidente» und idealisiert die Zustände nicht, womit sie als glaubwürdige Beobachterin gelten darf. Im übrigen hat die erfahrene Filmerin mit herausragenden, preisgekrönten Dokumentationen wie «Das kurze Leben des José Antonio Gutierrez» oder «Das Schiff des Torjägers» längst bewiesen, dass sie einen differenzierten und unbestechlichen Blick auf die Welt hat.

Kinok St. Gallen; heute Do, 20 Uhr, ist Heidi Specogna zu Gast im Kinok

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