Ein Sog aus Minimal- und Filmmusik

Christian Josts «Rote Laterne» vereint am Opernhaus Zürich eine seltsame Geschichte mit soghafter und opernhafter Musik. Die Oper zeigt, was Musiktheater gerade in der Zeichnung von äusseren und inneren Zuständen vermag.

Tobias Gerosa
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Shelley Jackson (l.) als Song-Lian, Nora Gubisch als Zhuo-Yun. (Bild: Opernhaus Zürich/Monika Rittershaus)

Shelley Jackson (l.) als Song-Lian, Nora Gubisch als Zhuo-Yun. (Bild: Opernhaus Zürich/Monika Rittershaus)

Was geschieht, wenn die vierte Frau von Master Chen, Song-Lian, in dessen Haus einzieht? Sie trifft dort auf ein streng kodifiziertes und reglementiertes System, das sie nicht durchschaut. Auf dieser Grundanlage baut Christian Josts Oper «Rote Laterne» auf, die vorgestern am Opernhaus Zürich Premiere feierte.

Verzicht auf chinesische Couleur

Da sind die drei «alten» Frauen: die Mutter des einzigen Sohnes, der schwul ist. Die Matrone mit den beiden nervigen Mädchen und die fremdgehende Opernsängerin. Da ist die Dienerin, von der die Neue nicht weiss, wie loyal sie wem gegenüber ist. Und da ist als Bezugspunkt des sehr stimmigen Ensembles auch Master Chen, der nicht umsonst nur als Master vorgestellt wird.

Der deutsche Komponist Christian Jost hat schon für die Berliner Komische Oper komponiert, als der heutige Zürcher Opernhaus-Intendant Andreas Homoki dort Chef war. Er wählte während eines China-Aufenthalts die 1991 verfilmte Vorlage für sein Auftragswerk, konzipierte und textete es selber – und verzichtet weitgehend auf das, was man als chinesische Couleur erwarten würde.

Bohrende Muster

Er schrieb vielmehr einen Psychothriller mit schwankendem Boden, der mit langem Schlagzeugintro beginnt und nach eindreiviertel Stunden wieder an seinen Ursprungsort zurückkehrt – mit einer toten Dienerin und einer schwerbeschädigten vierten Frau.

Zuerst fallen die Gesangslinien auf. Dass erstaunlich viel vom Text verständlich wird, hängt sicher an der Diktion etwa bei Rod Gilfrys Chen oder auch den beiden Kindern, aber genauso an der Behandlung der Stimmen. Immer wieder emanzipiert sich die Musik auch vom Gesang, dreht einen Text erst dorthin, wo er bedrohlich wird. Bohrenden Mustern wie aus der Minimal Music und filmmusikalische Dramatik begegnen sich in «Rote Laterne» fruchtbar – und manchmal ist auch das Musical nicht weit.

Musikalische Grausamkeit

Aber auch da steht Josts Musik im Dienste der soghaft-bedrohlichen Beschreibung der Grausamkeit. So bietet diese Musik zugängliche Zeitgenossenschaft, die Dirigent Alain Altinoglu mit der Philharmonia Zürich sehr plastisch und farbig gestaltet. Regisseurin Nadja Loschky hat ihren Ausstatter Reinhard von der Thannen ein graues Gefängnis bauen lassen. Song-Lian kriecht durch den (umgekehrten?) Brunnen herein und verlässt es sonst nie. Was sich hinter den geheimnisvollen, mit Vorhängen verhängten Türen befindet, erfährt sie nicht.

Souveräne Hauptrolle

Shelley Jackson aus dem Opernstudio besteht in dieser zentralen Rolle der Oper stimmlich wie darstellerisch souverän. Ihr bekommt die strenge Stilisierung der Regie gut. Die andern Figuren dagegen bleiben schematischer, mit Ausnahme von Claudia Boyle als dritter Frau, die mit ihren virtuosen Koloraturen musikalisch brillieren kann.

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