Ein singulärer Erinnerungskünstler

«Es geht in meinen Büchern überhaupt nicht um mein eigenes Leben. Ich benutze nur Empfindungen, die ich gehabt habe, und Stimmungen, in denen ich gelebt habe», bekannte Nobelpreisträger Patrick Modiano in einem der wenigen Interviews.

Peter Mohr
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Patrick Modiano: Damit du dich im Viertel nicht verirrst. Hanser Verlag, 2015, 160 S., Fr. 27.90

Patrick Modiano: Damit du dich im Viertel nicht verirrst. Hanser Verlag, 2015, 160 S., Fr. 27.90

«Es geht in meinen Büchern überhaupt nicht um mein eigenes Leben. Ich benutze nur Empfindungen, die ich gehabt habe, und Stimmungen, in denen ich gelebt habe», bekannte Nobelpreisträger Patrick Modiano in einem der wenigen Interviews. Und doch schreibt der Franzose stets sanft an seinem eigenen (Er-)Leben entlang.

Assoziativ erzählend

Patrick Modiano, am 30. Juli 1945 im Pariser Vorort Boulogne-Billancourt geboren, wurde 1985 von Peter Handke, der viele Modiano-Bücher übersetzte, für den deutschen Buchmarkt entdeckt. Im Herbst 2014 erhielt der zurückhaltende Franzose den Nobelpreis.

Wie in fast allen Werken erzählt Modiano im neuen Roman keiner Chronologie folgend. Er lässt Raum und Zeit verschwimmen, assoziatives Denken steht im Zentrum. Protagonist des schmalen Büchleins ist Jean Daragane, ein gealterter Schriftsteller, der Modiano nicht unähnlich ist, zurückgezogen in Paris lebt, nur selten seine Wohnung verlässt. Der Telefonanruf, mit dem Modiano die Handlung einleitet, erweist sich im Nachhinein als gravierende Zäsur in Daraganes Alltag. Ein Fremder namens Gilles Ottolini hat das Adressbuch des Schriftstellers gefunden. Die Männer treffen sich in einem Café; Ottolini gesteht, im Heft geblättert zu haben und über einen Namen gestolpert zu sein, der ihm bei der Arbeit an einem Kriminalfall begegnet sei. Und so wird jener Guy Torstel in der Folge für Daragane zur Obsession. Er kann sich zunächst nicht erinnern, erst daheim fügen sich kleine Vergangenheitsmosaike zusammen. «Wie ein Insektenstich, der dir zunächst ganz leicht vorkommt», beschreibt Daragane den aufkommenden, zunächst kaum spürbaren Schmerz, den der Eintritt in die Kindheitserinnerungen auslöst.

Fürsorgliches Kindermädchen

Verlust und Erinnerung sind auch im jüngsten Roman zentrale Bausteine. Der Tod von Modianos jüngerem Bruder, der als Neunjähriger an Leukämie starb, zieht sich wie ein roter Faden durch das Œuvre. In der Folge haben sich die Eltern getrennt. Und so lässt Modiano seine Hauptfigur auch auf Eltern zurück blicken, die kaum Zeit für ihn hatten und ihn in die Obhut von Annie Astrand gaben – eine Variététänzerin, die in die Rolle des fürsorglichen Kindermädchens schlüpfte. Annie drückte dem kleinen Jean einst einen Zettel mit der Adresse in die Hand und hatte auf der Rückseite notiert: «Damit du dich im Viertel nicht verirrst.» Modiano evoziert eine einzigartige Stimmungsmelange aus Traum und Erinnerung; er zieht einen bei der schmerzlichen Reise in die Kindheit auf singuläre Weise ins Buch. Eine Art Leichtigkeit der Gedankenschwere zeichnet diese Prosa aus. Modiano ist ein Ewig-Suchender und hoch artifizieller Erinnerungskünstler, der immer wieder aufs Neue den Mikrokosmos vor der eigenen Haustür vermisst und dabei stets neue Perspektiven entdeckt.