Ein schreibender und singender Frechdachs

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Frédéric Zwicker an der Preisverleihung in Ebnat-Kappel. (Bild: Urs Bucher)

Frédéric Zwicker an der Preisverleihung in Ebnat-Kappel. (Bild: Urs Bucher)

Kulturpreis Vor den beiden Akkordeonisten Valotti und Kovacevic stand am Freitagabend der 33-jährige Journalist, Sänger und Schriftsteller Frédéric Zwicker auf der Bühne. Als schreibender Frechdachs wirft er einen unverblümten Blick auf das Leben. Im Kulturmagazin «Saiten» hat er rassistische Nebengeräusche an Schwingfesten und sexistische Pöbeleien am St. Galler Open Air aufgespürt. Für die Band Knuts Koffer textete er ­sarkastisch gegen die Durchsetzungs-Initiative: «Mir bruched Sündeböck zum Glücklichsii.» Anlass für den Förderpreis der St. Gallischen Kulturstiftung war sein Débutroman «Hier können Sie im Kreis gehen», der für Aufsehen gesorgt hat. Nicht zuletzt, weil hier ein Roman das Thema Demenz so lebensnah und detailstark, psychologisch feinsinnig, mit schwarzem Humor und einem raffinierten literarischen Trick zum Lesevergnügen macht: Sein Antiheld Herr Kehr lässt sich nämlich mit 91 Jahren mit einer vorgetäuschten Demenz ins Pflegeheim einweisen. Nach dem Tod seiner Frau und seines einzigen Freundes will er seinen Pessimismus seiner Umgebung nicht mehr zumuten – ein existenziell tiefsinniges Motiv.

Erschreckend und charmant zugleich

Der Demenzroman wird zur Reportage über die Überforderung des Personals und die dementen «Schalenmenschen», zur sozialgeschichtlichen Erzählung über ein Jahrhundert und zum Schelmenroman. Herr Kehr spielt Streiche, rächt sich an egoistischen Insassen, lässt Demente aus dem Gebäude entweichen, isst Tischnachbarn den Dessert weg. Dass er seiner geliebten Enkelin ebenfalls eine Demenz vorspielen muss, bricht ihm, ihr und dem Leser fast das Herz. Als Herr Kehrs Jugendliebe eingewiesen wird und diese sich rührend um ihn kümmert, lässt er seine ­Maskerade fast fallen. Zwicker hat seinen Zivildienst in Pflegeheimen absolviert – was er mit journalistischer Genauigkeit umsetzt. Ihm ist das Kunststück ­gelungen, einen erschreckenden und gleichzeitig äusserst charmanten Roman zu schreiben.

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler@tagblatt.ch