Ein Roadtrip in die Zivilisation

In einer Wildnis-Idylle zieht ein Aussteigerpaar seine sechs Kinder gross. Doch ein tragischer Tod holt die Familie in die Zivilisation zurück. Viggo Mortensen geht als «Captain Fantastic» auf in der Tragikomödie.

Barbara Munker/dpa
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Aussteiger-Idylle: Szene mit Viggo Mortensen und Annalise Basso. (Bild: pd/Patersson)

Aussteiger-Idylle: Szene mit Viggo Mortensen und Annalise Basso. (Bild: pd/Patersson)

Der sechsfache Vater Ben Cash wird von seinen Kindern als «Captain Fantastic» bewundert, geliebt und in Frage gestellt. Viggo Mortensen spielt den abgehärteten Mann, der seine Familie in der abgeschiedenen Wildnis im Nordwesten der USA grosszieht. Mit Action geht es los: Der älteste Sohn Bodevan lauert einem Hirsch auf, erlegt ihn mit blossen Händen und einem Messer. Felswände hochklettern und lange Waldläufe gehören auch für die Jüngsten zum täglichen Überlebenstraining.

Zwischen zwei Welten

Doch «Captain Fantastic» ist keine Robinsonade wie «Lord of the Flies» und keine Überlebens-Show wie «Expedition Robinson». Die idealistischen Aussteiger-Eltern wollen ihre Kinder zu verantwortungsvollen Menschen erziehen. Am Lagerfeuer lesen sie «Die Brüder Karamasow», Karl Marx und Noam Chomsky, sie spielen Gitarre und lernen Esperanto.

Der Selbstmord der an einer schweren Depression leidenden Mutter Leslie aber katapultiert sie in die reale Welt. Ben packt die Kinder in den umgebauten Schulbus namens «Steve». Ziel ist Arizona, wo Leslies konservative Eltern ihre Tochter «ordentlich» begraben wollen – gegen den letzten Willen der Buddhistin, ihre Asche in einer Toilette herunterzuspülen. Doch diesen Wunsch wollen die Kinder ihr noch erfüllen. Daraus wird ein Roadtrip mit Hindernissen, bitteren Erkenntnissen und witzigen Erlebnissen. «Was ist Cola?», fragt die kleine Zaja etwa beim ersten Halt in einer Raststätte. «Giftiges Wasser», sagt der Vater.

Unterhaltsam und humorvoll

«Captain Fantastic» ist eine perfekte Gratwanderung zwischen Komödie und Drama. Es geht um Individualität und Anpassung, Familienwerte und Freiheit. Die Aussteigeridylle wird genauso hinterfragt wie die moderne Gesellschaft.

Matt Ross erhielt für sein zweites Regiewerk viel Applaus bei Robert Redfords Sundance Filmfestival und holte in Cannes den Regiepreis in der Nebensektion «Un Certain Regard». Und Viggo Mortensen («The Lord of the Rings», «Eastern Promises») zeigt seine ganze Bandbreite: als trauernder Witwer, sorgender Vater, eigensinniger Sonderling, arrogant und einsichtig, liebevoll und rechthaberisch. Das ist berührendes, humorvolles Kino, das Erwachsene und Teenager zum Nachdenken anregt.

Zu sehen im Kinok St. Gallen, Luna Frauenfeld, Madlen Heerbrugg und in der Passerelle Wattwil.

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