Ein Riecher für die Schönste

Hoffnungslos verliebt, doch immer schlagfertig: Das ist Cyrano de Bergerac, der Dichter mit der langen Nase. In Bregenz führt Rostands Komödienheld einen Trupp Gascogner Jedi-Ritter an.

Bettina Kugler
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Souffleur seelentiefer Liebe, Haudegen, Rapper, Sternenkrieger: Cyrano de Bergerac (Tim Breyvogel). (Bild: Anja Köhler)

Souffleur seelentiefer Liebe, Haudegen, Rapper, Sternenkrieger: Cyrano de Bergerac (Tim Breyvogel). (Bild: Anja Köhler)

BREGENZ. Was für ein Mann. Kaltschnäuzig, frech wie Oskar. Mutig, stark; ein Gott, wenn er den Degen schwingt. Genau so treffsicher ficht Cyrano de Bergerac mit Worten. Pöbelt Gecken und Hofschranzen an, macht sich bei allen unbeliebt. Nur eine liebt er, wehrlos wie ein Kind, aus tiefster Seele. Die schönste und klügste, ausgerechnet: Roxane. Ihr widmet der Dichter Vers um Vers, Briefe, die ihr «zum Evangelium» werden. Nur darf keiner wissen, wer sie in Wahrheit schrieb. Im Wege steht ihm seine Nase, ein Monstrum von Riechorgan.

Ruppige Poesie

Dabei hat es die Maske in der Inszenierung von Hans Escher am Vorarlberger Landestheater nicht einmal übertrieben. Klar, Tim Breyvogel ziert ein markanter Zinken. Man lacht ein bisschen, anfangs, wenn er als Cyrano von hinten aus dem dunklen Parkett ins Bühnenlicht tritt.

Viel grösser aber ist sein Maul; zusammen mit den Dreadlocks passt alles an sich gut zusammen. Und dann das butterweiche Herz, die jähe Melancholie, die ihn immer wieder sehr glaubwürdig befällt: Das macht Breyvogel gut, wenn ihm Cyranos hochfliegende Poesie auch zuweilen ein wenig ruppig gerät. Bald schrumpft die Nase im Bewusstsein der schöngeistigen Zuschauerin. Die List Edmond Rostands geht schon mal prächtig auf.

In Glanz- und Plastikfolie

Ansonsten wirkt die Inszenierung allerdings nicht gerade inspiriert. Sie setzt flott ein mit Theater im Theater, offensiv und nah am Publikum. Dann aber verschanzen sich die Schauspieler schnell dort, wo sie unter sich und sicher sind: auf der Bühne. Im Guckkasten, in einem gut gebauten, sprachlich brillanten Stück, bei dem so schnell nichts anbrennt.

Ein bisschen billig wirkt das grosse Jahrhundert des Sonnenkönigs im sparsamen Bühnenbild von Renato Uz. In der Mitte ein schwarzes, geschwungenes Lackteil, mal Sitzmöbel, mal Podium, dazu Glanzfolie an den Wänden: C'est tout. Dafür sind die Damen üppig frisiert und grell geschminkt. Tamara Stern als Duenna erinnert an Punk-Lady Nina Hagen und bewegt sich zum Rap der Gascogner Kadetten auch so. Constanze Passin als Roxane erobert sich durch kluges, nuancenreiches Spiel den Liebreiz zurück, den ihr die knisternden Plastikkostüme von Andrea Hölzl vorenthalten.

Es fehlt an Noblesse

Ein bisschen Comic hier, ein bisschen Jedi-Ritter dort, ein depperter Kapuzinermönch mit Pfälzer Mundart: Solcherart Trash-Ästhetik schmälert die Freude an Rostands praller tragikomischer Sprachoper arg. Auch wenn das verliebte Männer-Duo gut funktioniert: hier Cyrano, da sein blasser, hohlköpfiger Nebenbuhler Christian de Neuvillette (Boris Popovic), dem er souffliert. Was fehlt, ist Eleganz als schönes Kontrastmittel zur höfischen Aufgeblasenheit, zur Hässlichkeit des Krieges, zur grassierenden Herz- und Geistlosigkeit. Man muss schon sehr genau hinhören.

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