Gertrud Leutenegger erzählt von einem rätselhaften Abschied

Auf traumhaft-surreale Weise betrauert im Roman «Späte Gäste» von Gertrud Leutenegger eine Frau ihren toten Geliebten.

Charles Linsmayer
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Gertrud Leutenegger.

Gertrud Leutenegger.

Ayse Yavas / KEYSTONE

Es ist Fastnacht, es dämmert. Vor der geschlossenen Tür der Friedhofkapelle in einem Tessiner Bergdorf steht eine Frau und späht im Halbdunkel nach einem Sarg. Orion, der Vater ihrer Tochter, von dem sie vor Jahren die Flucht ergriffen hat, ist gestorben. Ohne jemandem zu begegnen, geht sie zum alten Hotel, in dem sie und das Kind jeweils vor dem zornigen Mann Zuflucht suchten, und hält – mal im Park davor, mal unter den Paradiesfresken des Gartensaals – eine Nacht lang Totenwache.

«Späte Gäste» setzt auf eine noch geheimnisvollere Weise «Pomona» aus dem Jahr 2004 fort, den Roman des Aufbruchs, als die Erzählerin Abschied von ihrem Tessiner Zuhause und von ihrer Liebe nahm. «Jahre vergehen, und die Zeit heilt nichts», weiss sie inzwischen. «Sie macht uns nur mutig, unsere Erschütterungen zu tragen.» Und wie Maurice Chappaz, der nicht müde wurde, die Sterbestunden geliebter Menschen zu hinterfragen, ist sie sich sicher: «Nie so wie im Tod wird das Geheimnis eines Menschen offenbar.»

Die Liebe ist nicht tot

Bald ist klar: Die Gefühle für Orion sind nicht erkaltet. In den Hochzeitsanzug, in dem er kremiert werden will, «ist unsere Liebe eingenäht, die wir einmal beschworen, stark wie der Tod zu sein.» Gegen seine «Schreckensherrschaft» hat sie sich seinerzeit nicht mit Hass, sondern mit ihrer «ganzen unverminderten Liebe» aufgelehnt, und auch jetzt kann sie sich nicht «gegen das Schluchzen wehren». Die (mal scheinbare, mal – was ihn betraf – reale) Erfolglosigkeit schweisste sie zusammen. Und wenn sie sich von ihm löste, dann, weil sie sich durch ihn «in dem ihr Empfindlichsten» herausgefordert wurde: «Meine Kraft, mit Wörtern als einer lebendigen Wirklichkeit zu leben, kehrte sich gegen mich.»

Diese Kraft ist ihr, der Text macht es augenfällig, längst wiedergegeben. In der beziehungsvollen Darstellung der Paradiesfresken als mythisches Pandämonium, in der Deutung der gemalten Tell-Geschichte als Ausbruch in die Freiheit, aber auch in den Assoziationen, die von einfachen Dingen und Lebewesen ausgehen und den Text ins Allgemeingültige heben. So ruft ein Tausendfüssler die Bootsflüchtlinge im Mittelmeer und ihre über die Schlauchboote herabhängenden Füsse in Erinnerung, so verweisen herumstehende Schuhe auf das Flüchtlingslager von Lesbos und zurückgelassene ver­schlissene Schuhe und Schwimm­westen, assoziieren Wilhelm Tells kuriose Puffhosen die Birnensorte «Schweizerhose» und wecken Erinnerungen an die Mutter, die nicht nur die Äpfel züchtete, die im Roman «Pomona» eine wichtige Rolle spielten, sondern auch in Sachen Birnen Altertümliches liebte.

Ein imaginärer Totentanz

Diesmal steht nicht die Mutter, diesmal stehen die «späten Gäste» im Mittelpunkt, die sich zur Totenfeier versammeln: «die Lebenden und die Toten, die Geliebten und die Gefürchteten». Um Orion herum, diesen Sternegucker, mythischen Faun, Desperado und genialischen Architekten, tanzen sie einen imaginären Totentanz: die Hässlichen und die Schönen des Fastnachtsballs, die als maskiertes Schweinchen herumgeisternde Tochter, die ferne Japanerin mit ihrem Reis-Opfer, aber auch die Exponenten des Dorfes, die zu den Themen Liebe, Tod und Flucht eigene Geschichten beisteuern. Der Wirt, der in Sizilien Emigranten beherbergt, die unerschütterliche Serafina, die ihr verbranntes Kind betrauert, Matilde, die aus der Weihnachtskrippe eine Dorfchronik macht.

Die Nacht endet in einem Wachtraum, der dem Düsteren etwas Helles gegenüberstellt. Ein Maskierter, einer der «Schönen» vom Fastnachtsball, bittet die Erzählerin, als Fährgeld für Charon, um eine Münze. Ein rätselhafter «Hässlicher», der mit ihm kam, einer «mit dunklen Augen, bedingungslos offen für jede gemeinsame Freude, jeden Aufbruch, jedes Leid», gibt ihr das Pfand. Schliesslich erscheint der Wirt, und ihm ist ein Blick eigen, «in dem das versammelte Schweigen der vergangenen Jahre ruht, der unverbrüchliche Halt, der Glaube, mit dem er ihr ganzes Wesen erwärmt hat». Als spräche er auch für den rätselhaften anderen, mahnt er, den in den Fresken gespiegelten Orpheus vor Augen: «Es ist Zeit, die Glocken läuten schon. Aber schauen Sie nicht zurück!»

Gertrud Leutenegger: Späte Gäste. Roman. Suhrkamp, 174 Seiten.