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Carmina-Quartett macht trotz schweren Schicksalsschlägen weiter

Zwei schwere Schicksalsschläge haben das weltweit bekannte Schweizer Carmina Quartett halbiert. Das Streichquartett macht aber weiter: mit zwei neuen, jungen Musikerinnen und voller Hoffnung und Elan.
Martin Preisser
Die zweite Generation im Carmina Quartett: Chiara Enderle mit ihrem Vater Matthias Enderle. (Bild: Urs Bucher)

Die zweite Generation im Carmina Quartett: Chiara Enderle mit ihrem Vater Matthias Enderle. (Bild: Urs Bucher)

Viele Freunde klassischer Musik wissen es nicht: Das Schweizer Carmina Quartett gibt es noch, besser: Es gibt es zum Glück wieder. Mit seinen so präzisen wie glutvollen Interpretationen hat es sich über Jahrzehnte an die Weltspitze gespielt, sich einen ganz eigenen, unverwechselbar warmen Klang geschaffen. Ein Quartett von dieser Qualität ist eine gewachsene Einheit, ist mehr als nur vier einzelne Musiker. Diese Einheit wurde jäh zerrissen.

2016 erlitt der Cellist, Stephan Goerner, einen Hirnschlag. An Quartettspiel ist für ihn bis heute nicht zu denken. «Mein grösster Wunsch wäre es, wenigstens wieder einmal eine C-Dur-Tonleiter auf dem Cello spielen zu dürfen», hatte er sich unlängst in einem Interview mit Tränen in den Augen geäussert. Im September 2017 starb mit erst 54 Jahren die zweite Geigerin des Carmina Quartetts, die Ostschweizerin Susanne Frank. «Humor verband sie mit harter Arbeit», titelte das «St. Galler Tagblatt» in seinem Nachruf auf die Musikerin.

Ein seit 1984 gemeinsam musizierendes Ensemble wurde sehr hart vom Schicksal getroffen. «Vor zehn Jahren hätte ich unter diesen Umständen sicher ans Aufhören gedacht», sagt der 62-jährige Primgeiger Matthias Enderle. «Heute denke ich anders. Die Pflanze Carmina geht nicht so leicht ein.» Quartettspielen heisse auch unter ganz normalen Umständen, jeden Tag alles in Frage zu stellen. «Und jetzt spüre ich: Es ist der Geist dieses Quartetts, der uns weitermachen lässt. Unsere Musik lebt weiter, sie zieht uns mit.»

«Wir spüren die Substanz dieses Quartetts»

Schon nach der Erkrankung von Stephan Goerner hatte man umstellen müssen. Die junge Chiara Enderle, Tochter von Matthias Enderle und seiner Frau, der Carmina-Bratschistin Wendy Champney, sprang ein. Jetzt gehört die 1992 geborene Musikerin fest zum Quartett. «Meine Eltern hätten nach dieser langen, erfolgreichen Karriere aufhören können», sagt die junge Musikerin. «Aber sie spürten die Substanz dieser Formation.»

Chiara Enderle weiss, in welch grosse Schuhe sie gestiegen ist, gibt sich aber mit erstaunlicher Natürlichkeit in die neue Rolle der Carmina-Cellistin. «Ein Quartett, das sind fünf», sagt die Cellistin, die sich in den letzten Jahren eine erfolgreiche Solokarriere aufbauen konnte und wichtige Wettbewerbe gewonnen hat. «Die fünfte Person ist die Klangwelt, die Identität des Quartetts. Das sind die Wurzeln und das Fundament, auf dem es steht.»

Chiara Enderle hat ihre Kindheit und Jugend mit dem Carmina Quartett verbracht, dessen Klang hat sie immer umgeben. Auf vielen Konzertreisen war sie schon als kleines Mädchen mit dabei. «Ich muss jetzt also eigentlich gar nicht nach einer neuen Rolle suchen.» Ihre Eltern hätten sie von Anfang an als eigene musikalische Persönlichkeit akzeptiert. «Ich hatte zum Glück nie diese Wir-wissen-es-besser-Eltern.» Wenn sie ein neues Stück aus dem alten Carmina-Repertoire erarbeitet, fragt sie Stephan Goerner nach den Noten und lässt sich von seinen Notizen in den Partituren inspirieren. So erinnere sie sich unmittelbar an seinen Celloklang: «Für Stephan ist es am schwersten», sagen Tochter und Vater Enderle. «Er schafft es noch nicht, in ein Konzert des neuen Carmina Quartetts zu kommen. Es ist für ihn immer noch zu aufwühlend.» Sollte er von seinem Schlaganfall wieder vollends genesen, würde Chiara Enderle sofort Platz für ihren Vorgänger machen.

Fototermin im Toni-Areal, in der Zürcher Hochschule der Künste, an der Matthias Enderle noch unterrichtet und Chiara studiert hat: So natürlich wie liebevoll berührt die Tochter die Schulter ihres Vaters: Das Verbindende, Zuneigende wird spürbar, die Freude, als neues Zwei-Generationen-Quartett voller Hoffnung und Elan in die Zukunft zu schauen. Während ihrer schweren Krankheit habe Susanne Frank ihr einmal gesagt, sie träume davon, das Carmina Quartett möge mit jungen Kräften weitermachen, erinnert sich die Cellistin: «Ich habe diesen Satz wie Susannes Segen erlebt, den sie uns weitergeben wollte.» Chiaras Vater ist gerührt: «Das hast du uns so noch nie erzählt.»

Statt Konkurrenzdruck ein Gefühl von Gnade

Grossartige junge Streichquartette sind in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen. Einige haben sich ihren letzten Schliff auch bei den Carminas geholt. «Unter dem bekannten Namen Carmina mit unserer Tochter und einer jungen zweiten Geigerin weiterzumachen, erleben wir nicht als Konkurrenz, sondern als Gnade. Wir sind ein anderes Quartett geworden, in dem sich Jugendlichkeit und Erfahrung gegenseitig bereichern können», sagt der Primgeiger.

Nichts von Verbissenheit ist auch bei Chiara Enderle zu spüren. Sie spricht von einem Geschenk. «Ich lerne von meinen erfahrenen Eltern, kann musikalisch andocken. Ich merke, wie offen meine Eltern für mein junges, frisches Musizieren sind.»

Jugendlichen Schwung bringt auch die neue zweite Geigerin, die ebenfalls 1992 geborene Polin Agata Lazarczyk, ins Carmina Quartett. Sie ist vor allem eine erfolgreiche Orchestermusikerin und spielt derzeit erste Violine im Orchester der Zürcher Oper.

«Wir können uns lustbetont treiben lassen»

Chiara Enderle sagt über ihre gleichaltrige Quartettkollegin: «Agata ist neben meinen Eltern und mir fast so etwas wie ein zusätzliches Familienmitglied. Sie bringt eine spezielle Energie ins Enderle-Trio mit ein.» Keiner der vier Carminas muss heute ausschliesslich vom Quartettspiel leben. Nach schwerer Zeit freut sich das Ensembles jetzt auf neue, gemeinsame Erfahrungen. «Wir können lustbetont spielen und wir können uns treiben lassen», sagt Matthias Enderle spürbar entspannt. «Ich habe viel Vertrauen in unsere beiden jungen Mitglieder. Und bei zeitgenössischer Musik können wir Alten von ihnen auf jeden Fall ganz neue Impulse aufnehmen.»

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