Ein Punk im Kopf macht noch keine Revolution

Miriam Lenz (sda)
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Kino Kevin hat seine «Helferlein», die Tabletten zur Dämpfung seiner Aggressionen, eigenmächtig abgesetzt. Nach elf Jahren Mattscheibe im Kopf, einem ständigen Gefühl, durch Watte zu gehen, fühlt sich der junge Mann (gespielt von «Verdingbub» Max Hubacher) wie neugeboren.

Im schicken Einfamilienhaus am Berner Stadtrand, in dem Kevin mit Mutter und Vater lebt, ist schon lange nichts mehr so wie es sein sollte. Die Mutter ist frustriert und gelangweilt. Der Vater und einstige 80er-Revoluzzer geht heute jeden Tag in Anzug und flottem Auto zur Arbeit. Zudem streiten die Eltern permanent, und wenn nicht, dann schweigen sie sich an.

Eine Kommune mit Handyverbot

Was Kevin tut und will, wird in seinem Zuhause mehr zur Kenntnis genommen, als dass es jemanden ernsthaft interessiert. Selbst als er, der in seiner neuen alten Aggressionslust richtiggehend aufgeht, aus Wut auf die verlogene Biederkeit Vasen, Kerzenständer und Flachbildfernseher zertrümmert, schauen die Eltern bloss tatenlos zu.

Ein imaginärer Punk aus den 80ern (Dimitri Stapfer, derzeit im Theater St. Gallen in «Die Räuber» zu sehen) setzt Kevin eines Abends den Floh ins Ohr, sich aufzulehnen. Gegen irgendetwas zu sein. Krawall zu machen bis die Stadt brennt, so wie es einst sein Vater getan hat. Mit Kumpel Manuel gründet Kevin in einem unbewohnten Haus eine Kommune. Handy, soziale Medien, Spiessigkeit sind da verboten.

Auf die Idee, gegen die Alten zu protestieren, bringt sie schliesslich Kevins Vater – mangels politischer Anliegen der Jungmannschaft. Er, der auch in der Kommune einzieht, hat als einziger eine Ahnung davon, was es heisst, mit Kreativität, Provokation und Unbeugsamkeit für eine Sache einzustehen.

«Lasst die Alten sterben» ist ein trauriger Film. Das wird einem allerdings erst im Nachhinein so richtig klar. Juri Steinhart führt dem Publikum auf äusserst witzige und unterhaltsame Weise ein spannendes Paradox der Gegenwart vor Augen. Nämlich jenes von der verzweifelten Bemühung junger Menschen, aus Langeweile und Spiessertum auszubrechen – und stattdessen die eigene Inhaltslosigkeit zu entlarven.

Miriam Lenz (SDA)

Kinok St. Gallen, morgen Do, 12.10., 19.30 Uhr, in Anwesenheit des Regisseurs Juri Steinhart und der Schauspieler Dimitri Stapfer, Olivia Lina Gasche, Julian Koechlin und Samir Klipic.