Ein Profidieb muss als Ersatzvater einspringen

Japanische Literatur packt uns immer wieder durch diesen eigentümlichen Mix von lakonischer Oberfläche und albtraumartigen seelischen Abgründen. Hinzu kommt eine ganz spezielle Sprachführung, die bei guter Übersetzungsarbeit auch auf Deutsch wirken kann.

Arno Renggli
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Fuminori Nakamura: Der Dieb. Diogenes 2015, 211 S., Fr. 30.–

Fuminori Nakamura: Der Dieb. Diogenes 2015, 211 S., Fr. 30.–

Japanische Literatur packt uns immer wieder durch diesen eigentümlichen Mix von lakonischer Oberfläche und albtraumartigen seelischen Abgründen. Hinzu kommt eine ganz spezielle Sprachführung, die bei guter Übersetzungsarbeit auch auf Deutsch wirken kann. All dies gilt auch für den Roman von Fuminori Nakamura, den man mit 38 noch zur jungen Garde zählen darf.

Ein Künstler mit Prinzipien

200 Seiten nur umfasst der Text, im Original 2009 erschienen und 2012 vom «Wall Street Journal» unter die zehn besten Romane des Jahres gewählt. Es sind 200 Seiten von ungeheurer Dichte. Da sitzt jeder Satz.

Der Ich-Erzähler ist ein Profidieb, der in den hektischen Strassen und U-Bahnen Tokios nach Portemonnaies und Taschen Ausschau hält. Seine Technik des Stehlens ist vollendet, er ist ein Perfektionist, ein Künstler, wenn man das fern von moralischen Überlegungen sagen darf.

Getriebener der Vergangenheit

Er hat es auf Reiche abgesehen, nur das verschafft ihm die Befriedigung, die weit über das Interesse an Geld hinausgeht. Vielmehr ist er ein Getriebener der eigenen Vergangenheit. Zum einen hat er sich mit gefährlichen Leuten eingelassen, zum anderen Traumatisches in seiner Kindheit erlebt. Da begegnet er einem Jungen, der in einem Laden dilettantisch zu stehlen versucht. Dies im Auftrag seiner Mutter, die ansonsten kaum Interesse an ihm hat.

Kein Einzelgänger mehr

Zögerlich nimmt der Dieb den Jungen unter seine Fittiche. Und obwohl er ihn auf Distanz hält, entwickelt sich eine Bindung zwischen den beiden. Ohne es bewusst zu wollen, wird der Dieb für den Jungen zur Vaterfigur. Und als er sich emotional darauf einlässt, wird er, der zuvor ein totaler Einzelgänger war, verletzlich. Dies umso mehr, als ihn die Vergangenheit einholt. Mächtige Verbrecher setzen ihn unter Druck, Diebstähle in ihrem Auftrag zu begehen, deren Zweck er nicht kennt, deren Wichtigkeit er aber erahnt. Zunächst versucht er, die Aufträge auszuführen. Doch nicht zuletzt die Beziehung zu dem Jungen veranlasst ihn, sich zur Wehr zu setzen. Mit gravierenden Folgen.

Emotional und präzise

Der Text wirkt gerade wegen seiner Schnörkellosigkeit und Kühle ungeheuer emotional. Der Junge, der praktisch ohne Liebe aufwächst, vom «Freund» seiner Mutter misshandelt wird und den Dieb fast zwingend als Bezugsperson auswählt, bricht einem fast das Herz. Das wiederum erzeugt Nähe zum Protagonisten.

Darüber hinaus ist die ganze Atmosphäre der Grossstadt, aber auch die Tätigkeit des Stehlens, mit überragender Präzision eingefangen. Nicht zuletzt ist es ein echter, spannender Thriller. Und man hofft – mit nicht wirklich viel Optimismus –, er möge gut enden.