Das für einen Oscar nominierte polnische Drama «Corpus Christi» kommt endlich auch bei uns ins Kino

Ein Pfarrer wie ein Freestyle-Rapper: Nicht nur der charismatische Hauptdarsteller Bartosz Bielenia macht den Film zum Ereignis.

Regina Grüter
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Es sprudelt nur so aus ihm heraus: Die Messe-Szenen hat Bartosz Bielenia in der Hauptrolle improvisiert.

Es sprudelt nur so aus ihm heraus: Die Messe-Szenen hat Bartosz Bielenia in der Hauptrolle improvisiert.

Bild: Xenix

Er wolle nicht «mechanisch beten», sagt der neue Pfarrer zu seiner Gemeinde im polnischen Drama «Corpus Christi». Die Phrase hat der 20-jährige Daniel vom Priester der Jugendstrafanstalt übernommen, Vater Tomasz. Der unkonventionelle Geistliche hat den Glauben für den jungen Straftäter lebensnah gemacht. Den Wunsch, selber Priester zu werden, redet er ihm aber aus: Man kann auch auf andere Art Gutes tun, meint er. Der Strafregisterauszug eignet nicht fürs Priesteramt.

Daniel ist da reingerutscht. Hat nach seiner Entlassung aus der Anstalt lieber die Dorfkirche anstatt das Sägewerk aufgesucht, wo sie ihm einen Job besorgt haben. Mehr im Spiel, das den Traum wahr macht, hat er sich als Pfarrer ausgegeben – und man hat ihm geglaubt. Das Dorf liegt im Südosten von Polen und weit weg von der Stadt, wo er herkommt. Hier bestimmt Religion den Alltag, und niemand kennt ihn. Also gibt er sich als Pfarrer mit Namen Tomasz aus und schlüpft ins Kollar.

Laie gibt sich als Priester aus – kein Einzelfall

Schon bald ist er so was wie der Rockstar der Gemeinde. Die Leute kommen wieder gern in die Messe, nicht nur, um den Schein zu wahren, und trauen ihm ihre Ängste und Sorgen an. Ein Autounfall mit sieben Toten lastet schwer auf der Dorfgemeinschaft. Im einen Wagen sassen ihre Töchter und Söhne, im anderen der vermeintliche Täter. Die Gedenktafel mit den Fotos ist nicht zu übersehen. Auch zu den Jungen – Brüder, Schwestern, Freunde der Verstorbenen – hat Daniel einen guten Draht, trinkt Bier und kifft mit ihnen. Er gibt sich nicht als Übervater, deshalb nehmen sie ihn ernst. Was Daniel anfänglich nicht ganz geheuer ist, wird mehr und mehr zur Berufung.

«Corpus Christi» beruht auf einem Zeitungsartikel des Journalisten und Drehbuchautors Mateusz Pacewicz über einen 19-Jährigen, der sich drei Monate lang als Priester ausgab – in Polen kein Einzelfall. Der kriminelle Hintergrund und auch die Dorftragödie sind fiktiv, um Daniels Handeln dringlicher und verständlicher zu machen.

Diese dramaturgischen Entscheidungen nähren den Spannungsbogen. Es besteht immer die Gefahr, dass der Hauptprotagonist auffliegt und die Konsequenzen schlimm sein werden. Anspannung liegt aber auch in der emotionalen Aufarbeitung des Unfalls, woran Daniel so gelegen ist: Dass der Pfarrer für den vermeintlichen Täter ein Grab auf dem Friedhof beansprucht, bringt die Bewohner gegen ihn auf.

Neue Hoffnung für ­ den polnischen Film

Die Einstellungen sind meist fix, die Kamera bewegt sich höchstens auf Daniels spezielles, schönes Gesicht zu. In seinen auffallend hellen Augen spiegelt sich sein Innerstes wider: Angst, Trauer, Empathie, Übermut. Der 28-jährige Bartosz Bielenia spielt Daniel überragend und war einer der Shooting Stars auf der diesjährigen Berlinale.

«Corpus Christi» ist ein einnehmender und aufwühlender Film, was der überwältigende Erfolg in der Heimat, in Übersee (Oscar-Nominierung) und nun auch in Europa (in der Auswahl für den Europäischen Filmpreis) bestätigt. Die Hoffnungen des polnischen Films liegen nun nicht mehr nur auf Pawel Pawlikowski, der mit «Ida» zu Oscar-Ehren kam, sondern auch auf dem erst 38-jährigen Regisseur Jan Komasa.

Es geht um Schuld und Vergebung. Daran hält sich Daniel ja auch fest, dass er trotz seiner Tat, bei der jemand zu Tode kam, Anrecht auf ein gutes Leben hat und geliebt wird. «Vergeben ist nicht vergessen, vergeben ist lieben», so formuliert er es. Was macht einen guten Menschen aus? Die Lebensumstände können es einem sehr schwer machen.

«Corpus Christi», ab 3. September 2020 im Kino