Ein pessimistischer Aufklärer

Der katalanische Regisseur Calixto Bieito spaltet mit seinen schonungslosen Inszenierungen oft das Publikum. Am Opernhaus Zürich inszeniert er nun «Die Soldaten» – Gewalt ist darin als Grundthema gegeben.

Tobias Gerosa
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Szene aus der Oper «Die Soldaten», die Calixto Bieito am Opernhaus Zürich inszeniert. (Bild: Opernhaus Zürich/Monika Rittershaus)

Szene aus der Oper «Die Soldaten», die Calixto Bieito am Opernhaus Zürich inszeniert. (Bild: Opernhaus Zürich/Monika Rittershaus)

«Das stimmt doch gar nicht, dass es in meinen Inszenierungen nur um Sex und Gewalt geht! Es gab keine einzige Leiche im <War Requiem> in Basel und und… Aber ich muss doch zeigen, warum die Stücke auch heute noch wichtig sind.» Das richtigzustellen ist Regisseur Calixto Bieito wichtiger als die gestellte erste Frage – er kennt die Labels, die ihm angehängt werden.

Sie machen ihn für gewisse Operngänger zum Schreckgespenst, gerade auch als Andreas Homoki als Intendant des Opernhauses Zürich bestimmt wurde. Der 50jährige Katalane, der seit diesem Jahr als Artist in Residence in Basel lebt, spaltet das Publikum: Die einen begeistern sich dafür, wie er untergründige Machtstrukturen findet und sie in drastische Theaterbilder fasst. Die andern unterstellen ihm, überall nur Sex und Gewalt zu sehen, egal was in den Stücken stehe.

«Die Musik lügt nie»

In der Tat sind Bieitos Arbeiten schonungslos, aber immer überlegt. Berühmt wurde seine «Entführung aus dem Serail» in Berlin, die im Puff spielte und «ab 18 Jahren empfohlen» wurde: «Ich fragte mich, was es denn heute bedeuten kann, wenn Konstanze die Sklavin des Bassa ist. Da ist sexuelle Gewalt doch nicht so weit weg? Und ganz tief ging es auch da um die Liebe.» Ausgangspunkt für seine Opernarbeiten ist immer die Musik, die er als Partitur und möglichst viele Aufnahmen studiere. «Texte lügen, manchmal sogar in guten Stücken. Die Musik nie.»

«Ganz tief»: Darauf kommt er mehrmals. Die ganz tiefen Gefühle in einem Stück; die ganz tiefe Vorbereitung, die eigene ganz tiefe Traurigkeit. «Ich bin eine melancholische Kuh!» – und sagt gleich selber, dass dieser Vergleich ein Trick sei, mit Ironie seine Melancholie zu brechen. Sie komme aus seiner Erfahrung: «Mit sieben schaute ich dem tödlichen Unfall eines Freundes auf dem Velo zu. Der Tod war von da an immer irgendwie dabei.»

«Damit kämpfe ich»

Auch in seinen Inszenierungen. Denn sein Leben und seine Arbeit kaum trennen zu können, das sei – der Seufzer wirkt echt – sein Problem. Inspiration hole er sich in seiner Kindheit. «Das heisst nicht, dass ich autobiographisch inszenieren würde, aber meine privaten Gefühle sind immer mit drin.» Das erschreckt, kennt man etwa seinen «Parsifal» oder «Don Carlo» in Basel und Stuttgart, wo kaum ein Hoffnungsfünkchen zu finden ist. «Damit kämpfe ich, da liegt diese Melancholie. Ich denke, weiss aber nie, in welche Richtung. In Spanien wird bereits Essen an Kinder abgegeben, die sonst hungern. In dieser Welt Hoffnung zu haben, ist schwierig.»

Oper für Bauch und Hirn

Was kann in solchem rabenschwarzen Pessimismus ausgerechnet Oper noch? Viel: Bieito will Oper für Bauch und Hirn, will Träume ermöglichen und den Horizont öffnen, will unterhalten und erfreuen. Eine breite Palette oder vielleicht Ausdruck jener tiefen Sehnsucht nach dem Unerreichbaren, für die die Romantiker die Metapher der blauen Blume erfanden. Was hält ihn trotzdem aktiv? «Meine Kinder! Und vielleicht schaffen wir, schaffen sie irgendwann einen neuen Humanismus – ich weiss nur nicht, wie.» Ein aufklärerisches Programm also? «Ein grosses Wort, dennoch: Ja.»

Von Proben spricht Bieito als einem Raum von Grosszügigkeit und Freiheit, wo Fehler – er markiert den Ausdruck mit imaginären Anführungszeichen – erlaubt seien. «Probieren ist wie gemeinsames Tennis, ein Spiel, das ich liebe: Man hat eine Vorstellung, wohin der Ball soll, und versucht das in einer möglichst flüssigen Bewegung umzusetzen. Spielt man miteinander statt gegeneinander, wird das fast meditativ.»

Darum betont er, wie Oper nur als Gemeinschaftswerk funktionieren könne. Das erst mache sie so traumhaft. Bei der Auswahl der Sängerinnen und Sänger spricht er mit. Wer mit ihm arbeitet, muss das wollen – so wie es im Gegenteil Sänger gibt, die eine Zusammenarbeit mit ihm kategorisch ausschliessen, wie kürzlich Tenor Piotr Beczala. Und die Dirigenten? «Es ist sehr wichtig, mit dem Dirigenten Hand in Hand zu arbeiten. Es gibt eine essenzielle Verbindung zwischen Musik und Inszenierung. Wenn mich aber ein Dirigent darum bitten würde, mein gesamtes Konzept umzustürzen, brächte mich das in eine schwierige Situation.»

Der Schrei der Gesellschaft

In Zürich kommt am Sonntag Bieitos Interpretation von Bernd Alois Zimmermanns «Die Soldaten» zur Premiere, ein Schlüsselwerk des Musiktheaters von 1965. Es wird nicht um die Zeit des Sturms und Drangs gehen, aus der die literarische Vorlage von Jakob Michael Reinhold Lenz stammt. Bieito interessiert allgemeiner, wie der Komponist den Schrei der Gesellschaft gegen die militärische Bedrohung der 1960er und 1970er vertonte. Mit riesigem Apparat (und riesigem Aufwand für ein Opernhaus – das Stück galt zunächst als unaufführbar) führt er parabelhaft vor, wie «menschliche Tiere in Uniform» eine junge Frau zerstören. Bei Zimmermann endet das im Selbstmord und einer apokalyptischen Vision. «Das Stück ist unglaublich schwer. Die Musik selber ist schon dekonstruiert und baut Lärm mit ein – sehr genau übrigens. Gewalt ist hier als Grundthema gegeben.» Da müsste Bieitos Ansatz eigentlich funktionieren.

Die Soldaten, Opernhaus Zürich, 22. September bis 26. Oktober

Calixto Bieito Theaterregisseur (Bild: epa)

Calixto Bieito Theaterregisseur (Bild: epa)

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