Ein paar Monate ohne Geldsorgen

Zehnmal 20 000 Franken und viermal 3 Monate Rom: Regierungsrat Martin Klöti hat am Donnerstagabend die diesjährigen Werkbeiträge und die symbolischen Wohnungsschlüssel für die Romaufenthalte überreicht.

Hansruedi Kugler
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Regierungsrat Martin Klöti präsentiert die Kunstschaffenden: (von links) Josquin Rosset, Willi Häne, Sarah Elena Müller, Julia Sutter, Christa Bösch, Charles Uzor, Timo Müller, Valentina Stieger, Aurèle Ferrier, Miro Schawalder, Sara Spirig, Andreas Niedermann, Urs August Steiner, Oscar De Franco. (Bild: Michel Canonica)

Regierungsrat Martin Klöti präsentiert die Kunstschaffenden: (von links) Josquin Rosset, Willi Häne, Sarah Elena Müller, Julia Sutter, Christa Bösch, Charles Uzor, Timo Müller, Valentina Stieger, Aurèle Ferrier, Miro Schawalder, Sara Spirig, Andreas Niedermann, Urs August Steiner, Oscar De Franco. (Bild: Michel Canonica)

ST. GALLEN. Das Kleintheater Parfin de Siècle ist sicherlich ein idealer Ort, um experimentierfreudige Kunstschaffende zu ermuntern. Hier, im ehemaligen Atelier des Malers und Bildhauers Max Oertli, wird literarisches Theater gepflegt, hier riecht es immer noch nach lebendiger Kunst-Werkstatt. In diesem Jahr wurden 84 Bewerbungen für Werkbeiträge und 22 Bewerbungen für den Romaufenthalt juriert. Die 14 Ausgewählten verteilen sich auf angewandte und bildende Kunst, Musik und Literatur. Die Sparte Theater/Tanz, aus der dieses Jahr lediglich drei Projekte eingegeben worden waren, ging leer aus. Die fünf Jurys, bestehend aus je zwei ausserkantonalen Fachleuten und einer Person aus dem Amt für Kultur, mussten sich in einem zweistufigen Verfahren auf zehn Werkbeiträge einigen.

Kunstprojekte ohne Geldsorgen

Ein paar Monate ohne Geldsorgen recherchieren, experimentieren oder sich ganz einem Projekt widmen – das ist die Idee der Werkbeiträge. Zwei Beiträge gehen in die angewandte Kunst. So verwendet Christa Bösch aus Stein den Beitrag für den Aufbau ihres Modelabels «Ottolinger», mit dem sie erste Erfolge auf internationalen Laufstegen vorzeigen kann. Augenzwinkernd an Punk-Ästhetik orientiert, verbindet sie edle Textiltradition mit internationaler Mode. Die Keramikerin Sara Spirig aus Widnau, die ihr Atelier in Fribourg hat, nutzt den Beitrag für eine intensive Recherche zu Giesstechnik und Farbgebung.

Fünf Beiträge gehen an bildende Künstler. Oscar de Franco wird sich an verschiedenen medizinischen und technischen Instituten über Möglichkeiten der Erweiterung des menschlichen Körpers informieren – für eine formal noch offene Kunstarbeit im Grenzbereich zu Science Fiction. Der gebürtige St. Galler Videokünstler Aurèle Ferrier kann eine professionelle Postproduktion seines Projekts «Urban Landscape» finanzieren und drei neue Arbeiten zum Thema Raumwahrnehmung realisieren. Sarah Elena Müller aus Amden realisiert dank dem Werkbeitrag ihre audiovisuelle Performance «Tat und Wahrheit» mit sprechenden Gummistiefeln. Der in St. Gallen aufgewachsene Maler und Videokünstler Timo Müller setzt seine Arbeit mit raumgreifenden Skulpturen fort. Und der in Kaltbrunn aufgewachsene Urs August Steiner experimentiert mit Zündschnüren und mit der Visualisierung von akustischen Signalen – ausgehend von der Analyse populärer Filme.

Zwei Romane entstehen

Mit einem Werkbeitrag und einem Romaufenthalt werden gleich zwei Romanprojekte unterstützt. Andreas Niedermann, der seit geraumer Zeit in Wien lebt und dort einen Kleinverlag leitet, kennt man in St. Gallen bestens – unter anderem als Mitgründer des Kinok. Niedermann schreibt an seinem zweiten Roman «Sales Tochter». Sein Erstling «Sauser» aus dem Jahr 1983 habe damals den Nerv der Zeit getroffen und sei zum Untergrund-Bestseller geworden, sagt Jurorin Susanne Zahnd. Die aus Lichtensteig stammende Jungautorin Julia Sutter arbeitet an einem Roman mit dem Titel «Karrenau im Kopf» über zwei Schwestern, die sich auf verschiedene Arten der Fremdheitserfahrung in Kairo stellen. Die in Bern lebende Autorin plant, ihren Roman in der Römer Wohnung fertigzustellen.

Musik gibt Vögeln eine Stimme

Ein überraschendes Projekt hat der St. Galler Komponist Charles Uzor eingereicht. Er untersucht in seinem Projekt «Nach der Natur» Vogelstimmen, setzt sie in tiefe Tonlagen und komponiert daraus elektronische Musik mit geheimnisvoller Schönheit. Ebenfalls auf Forscherfüssen steht der Kirchberger Akkordeonist, Pianist und Komponist Willi Häne. Mit seinem «Chorus illusio», dem lateinischen Wort für akustische Täuschung, begibt er sich in den Bereich der Psychoakustik. Der St. Galler Jazzmusiker Josquin Rosset schliesslich komponiert in seinem Romaufenthalt und intensiviert den Austausch zwischen St. Galler und Römer Jazzmusikern. Konzerte in St. Gallen sind bereits gebucht.

Morgenröte in Rom

Zuletzt sind noch zwei Künstler zu nennen, die je drei Monate in Rom verbringen dürfen. Der aus Altstätten stammende Miro Schawalder betitelt sein Projekt mit «Körper und Orte in chronischer Morgenröte». Seine Sujets sind Menschen in architektonischen Landschaften – im neorealistischen Stil aufgenommen. Valentina Stieger, die in St. Gallen aufgewachsen ist und nun in Zürich als bildende Künstlerin lebt, geht in Rom auf die Suche nach «künftigen Relikten». Sie stellt dabei die Frage nach dem Umgang mit dem kulturhistorischen Erbe als Imagepflege in der Werbelandschaft.