Lichtblicke im Ostschweizer Kinderspital: «Ein paar gute Träume wünsch ich Dir!»

Die Tänzerin Hella Immler besucht als «Dr. Pirouette» kleine Patienten im Ostschweizer Kinderspital. Nicht mit vorgefertigten Programmen, sondern immer mit dem Ziel, dass die Kinder sich selbst für einen kurzen humorvollen Moment öffnen. 

Martin Preisser
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Hella Immler alias «Dr. Pirouette» bringt als Traumdoktorin Heiterkeit in die Krankenzimmer des Ostschweizer Kinderspitals.

Hella Immler alias «Dr. Pirouette» bringt als Traumdoktorin Heiterkeit in die Krankenzimmer des Ostschweizer Kinderspitals.

Bild: Urs Bucher

Die Kinder leiden an Diabetes, haben eine schwere Kopfverletzung oder einen Trommelfelldurchbruch hinter sich oder sind im Spital, weil Autismus gerade zu grosse Probleme macht. Alle bekommen sie an diesem Nachmittag im Ostschweizer Kinderspital Besuch von «Dr. Pirouette», der Traumdoktorin, und werden mit viel Fantasie und Humor vom manchmal grauen Klinikalltag abgelenkt. Aber nicht mit vorgefertigten Gags oder billigen Unterhaltungseffekten. Nur eine rote Nase und ein paar einfache Tricks sind nicht das Rezept für diese aufheiternden Momente.

Hella Immler ist intensiv als Traumdoktorin, wie diese Berufsbezeichnung bei der Stiftung Theodora offiziell lautet, ausgebildet worden, und ihre Besuche im Krankenzimmer sind nicht therapeutisch, sondern künstlerisch ausgerichtet. «Bist Du aus Hollywood?», fragt Hella Immler, die man in St.Gallen als Tänzerin in der Compagnie Rotes Velo kennt, eine kleine Patientin. Sie tritt als Traumdoktorin nicht einfach auf, sondern lädt Kinder in deren eigene Ideenwelt ein.

Eine Kunstfigur mit speziellen Eigenschaften

«Als Tänzerin bin ich es gewohnt, nur angeschaut zu werden, oft fehlt mir da der reale Kontakt», sagt die 35jährige, die unter Marco Santi auch am Theater St.Gallen getanzt hat und heute in Bern lebt. «Meine Figur der Dr. Pirouette habe ich selbst entwickelt, sie hat einen ganz eigenen Charakter und Qualitäten, die ich im normalen Leben vielleicht nicht leben könnte», erzählt Hella Immler von ihrer Kunstfigur, mit der sie Kinder zu Fantasiereisen und zu ihren eigenen, oft berührenden Geschichten einlädt.

Der Teenager mit Diabetes kommt mit Dr. Pirouette auf sein Pfadierlebnis in den USA zurück. 45 000 Jugendliche aus aller Welt habe er dort getroffen. Beim Erzählen strahlt er, die Krankheit wird gerade zweitrangig. Hella Immler spult kein Programm ab oder ein paar angelernte Animationen, sondern lässt sich jeweils von der Situation im Zimmer inspirieren. «Es gibt keine Routine», sagt sie.

Da kann sie nach ein paar Sekunden auch leise wieder die Tür zumachen, wenn es gerade nicht passt oder ein Kind Nein sagt, oder es entsteht eben eine berührende Begegnung, die auch schon einmal zwanzig Minuten dauern kann. «Der Fokus liegt nicht auf der Krankheit, sondern auf dem, was da auch noch ist in der Gedankenwelt der Kinder», sagt die Traumdoktorin. Sieben Besuche macht sie monatlich, auch in Baden und Bern. Professionelle Traumdoktoren wollen nicht nur etwas für die Kinder, sondern vor allem etwas mit ihnen machen, sie in ihrem Kindsein bestärken.

«Es ist eine sensible und fragile Situation»

Das Herz auf der roten Nase ist ihr Markenzeichen als Dr. Pirouette. Das Herz kann sie dann auch schon mal aufs Krankenbett zaubern. «Wenn ich in ein Zimmer komme, weiss ich nie, was mich erwartet, es ist eine sensible, fragile Situation, ein Moment, in dem etwas ganz Neues entstehen kann», erzählt Hella Immler von ihrer Arbeit.

Zum Beispiel beim kleinen Autismus-Patienten. Die Traumdoktorin trifft ihn gerade an, als er wie wild am Häuserbauen auf seinem Tablet ist. Mit viel Feingefühl nähert sich Hella Immler der Welt dieses Kindes, lässt es mit seinem «Zauberfinger» weiterbauen, verführt es aber rasch zu Zaubertricks ausserhalb der virtuellen Welt. Ein Tomate aus ihren Ohren wird plötzlich zur Karotte. «Diesen Trick habe ich jetzt aber von Dir gelernt», sagt Hella Immler. Daran wird der kleine Patient noch lange denken. «Ein paar gute Träume wünsche ich Dir», verabschiedet sich Dr. Pirouette, die das Kind spielerisch vom Tablet weg in die reale Welt der Begegnung mit sich und anderen gelockt hat. Auch für die erfahrene Traumdoktorin ein Highlight, ein überraschendes Geschenk an diesem Nachmittag.

Bei anderen kleinen Patienten ist es nötig, mal wieder die Hirnströme zu messen. Und das kleine Kuscheltier hat Durchfall, weil es die falsche Medizin eingenommen hat. Hella Immler probiert für solche «Notfälle» mit den Kindern selbst eine witzige Lösung zu finden. Und holt den Zweijährigen genauso ab wie den Jugendlichen in der Pubertät. Traumdoktoren gehen auch in palliative Abteilungen, wo Kinder sterben werden, oder in die Neonatologie. Da macht Hella Immler schon mal ganz behutsam Musik für die Frühchen. Oft können die Ärzte die Entspannung des Kindes auf dem Monitor direkt sehen.

«Meine Figur soll den Alltag vergessen machen, eine Insel kreieren. Nicht ich bringe den Kindern etwas, sondern sie selbst machen die Türen auf, oft sehr weit. Und das ist immer ein kleines Wunder.» Da wird ein 12jähriger kleiner Patient plötzlich der erfolgreiche «Businessmann», wie Hella Immler ihn keck nennt, nicht weil das einfach ein Gag der Traumdoktorin ist, sondern weil sie gespürt hat, dass der Junge eigentlich gern Verantwortung im Zimmer übernimmt und ziemlich pfiffige Ideen für seine Mitpatienten hätte.