Ein Paar auf seiner letzten Reise – oder doch nicht?

In «Alle, alle lieben dich» hat Stewart O'Nan beschrieben, wie ein junges Mädchen spurlos verschwindet – und wie dies ihre Familie in einen Strudel der Ungewissheit zieht. In «Emily, allein» hat er eine Achtzigjährige in ihrem immer schwerer zu meisternden Alltag begleitet.

Rolf App
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Stewart O'Nan: Die Chance, Rowohlt 2014, 222 S., Fr. 29.90

Stewart O'Nan: Die Chance, Rowohlt 2014, 222 S., Fr. 29.90

In «Alle, alle lieben dich» hat Stewart O'Nan beschrieben, wie ein junges Mädchen spurlos verschwindet – und wie dies ihre Familie in einen Strudel der Ungewissheit zieht. In «Emily, allein» hat er eine Achtzigjährige in ihrem immer schwerer zu meisternden Alltag begleitet.

Ein Paar in tiefem Pech

«Die Chance», O'Nans neuestes Buch, handelt von Marion und Art Fowler, einem Paar in den Fünfzigern, das noch einmal zu den Niagarafällen reist, wohin sie dreissig Jahre früher ihre Hochzeitsreise geführt hat. Die Scheidung ist schon beschlossene Sache, ausserdem haben sie viel Geld im Gepäck: Ein letztes Mal wollen sie es versuchen mit dem Glück. Pech haben sie genug gehabt. Von welcher Art dieses Pech ist, das erfahren wir Stück um Stück, mal aus ihrer, mal aus seiner Optik.

Die alten Wunden

Beide sind sie schon einmal ausgebrochen aus der Ehe, diese Wunden sind alt, aber unvergessen. Beide haben sie die Stelle verloren, sind gesellschaftlich wie ökonomisch auf dem Weg nach unten. Niemand will ihr aufwendig renoviertes Haus kaufen.

Bei den Niagarafällen nun wollen Art und Marion nicht nur alte Erinnerungen auffrischen, sondern im Casino einen letzten Versuch unternehmen, das Glück zu wenden. Art sieht es als seine Aufgabe an, «durch eine forsche, gewagte Tat alles wiederzuerlangen, was sie verloren hatten». Als Systematiker glaubt er, ein Gewinnsystem gefunden zu haben – während sie zu Bauchentscheiden neigt. Am Roulettetisch wird sich das wundervoll ergänzen.

Ein letztes Mal in Saus und Braus

Es ist ein Spiel wunderbar subtiler Gegensätze, das Stewart O'Nan in den Beschreibungen dieses Paars entfaltet. Während vom Innenleben der beiden manches im Dunkeln oder zumindest Halbdunkeln bleibt, beschreibt O'Nan ihre Ausflüge ebenso minutiös wie die alltäglichen Verrichtungen im Hotel. Marion und Art kennen wenig Skrupel. Sollte die Sache schiefgehen mit dem grossen Gewinn, dann wollen sie mit ihrem gepumpten Geld doch ein letztes Mal in Saus und Braus gelebt haben.

Art umwirbt Marion

Den Takt gibt der unerklärlich optimistische Art vor. Er will sich nicht in Marions Scheidungspläne fügen. Im Gegenteil: Rührend ausdauernd umwirbt er seine Frau – die sich zerrissen fühlt, sich an das frühe Glück erinnert und an Jahre voller Enttäuschungen. Doch trotz all des Deprimierenden, das Marion immer wieder durch den Kopf geht, will sich doch keine Düsternis über die Szene legen. Art und Marion mögen so verschieden sein, wie sie wollen. Einander nah sind sie nach so langer Zeit doch. «Sie hatte mit Art ihre glücklichste und auch die traurigste Zeit erlebt», stellt Marion denn auch in einem Anflug von Klarsicht fest.