«Ein Objekt aus Afrika verliert in einem Museum seine Seele»: Ein Künstler lanciert in Zürich eine Debatte

Der international gefeierte Künstler Kader Attia ist ein Grenzgänger zwischen Afrika. Er öffnet uns auf überraschende Art und Weise die Augen für das kulturelle Ungleichgewicht. Zu sehen im Kunsthaus Zürich.

Sabine Altorfer
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Zum Film von Kader Attia über Rückgabe und Raub werden Objekte aus Afrika gezeigt, die Schatten werfen.

Zum Film von Kader Attia über Rückgabe und Raub werden Objekte aus Afrika gezeigt, die Schatten werfen.

Bild: © Pro Litteris

Afrikanische Masken begeisterten Picasso und seine Zeitgenossen. «Das ist anerkannt und in seinem Werk sichtbar», sagt Kader Attia. «Aber, dass auch die moderne Architektur, dass vor allem Le Corbusier sich in Afrika inspirierte, will man nicht sehen.» Also hat der 50-jährige Künstler hingeschaut, recherchiert und verdichtet seine Erkenntnisse in Collagen aus Fotografien afrikanischer und moderner westlicher Gebäude – und lässt die Grossen der Architektur als Beobachter darin auftreten. Ein so kluger wie effektvoller bildnerischer Einfall.

Andrerseits prägte die europäische Architektur auch Afrika. In postkolonialer Zeit brösmelet sie nun, das macht Attias Hochhaus, das nachgebaute «Hôtel de l’Indépendance» aus Dakar augenfällig. Gebaut hat es der Künstler aus abgewetzten metallenen Archivschachteln, die einst der französischen Kolonialpolizei in Algerien dienten.

«Hôtel de l’Indépendance» im Kunsthaus Zürich

«Hôtel de l’Indépendance» im Kunsthaus Zürich

© Pro Litteris

Algerische Wurzeln hat auch Kader Attia, geboren ist er 1970 in einem Vorort von Paris. Er ist ein Grenzgänger zwischen den Kulturen und thematisiert das mit Erfolg. Seine Ausstellung im Kunsthaus Zürich, seine erste in der Schweiz, hat den Titel ­«Remembering the Future». Nur wer die Vergangenheit kenne, könne Gegenwart und Zukunft verstehen und mitgestalten, ist er überzeugt.

Kader Attia ist 1970 als Sohn algerischer Eltern in Paris geboren.

Kader Attia ist 1970 als Sohn algerischer Eltern in Paris geboren.

Camille Millerand

Gewalt hat ein Gesicht

Kader Attia hat bekannte Arbeiten nach Zürich gebracht. Etwa die überlebensgrossen Köpfe, die einen mit ihren Blessuren in Bann ziehen und die nach Fotos von verwundeten Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg in Senegal aus hundertjährigem Holz geschnitzt wurden.

Und heute? Strukturelle Gewalt gegen Schwarze ist nicht erst seit George Floyds Tod ein Thema. Kader Attia hat einen Vorfall von 2017 in Frankreich zum Anlass für Collagen und ein Video genommen, in dem Nachfahren von Sklaven über Gewalt gegen sie berichten. Für die gefährliche Migration über das Mittelmeer hat er mit «La Mer Morte» ein eindrückliches Mahnmal geschaffen: Blaue abgetragene Kleider liegen wie Wellen, wie tote Körper am Boden.

«La Mer Morte»

«La Mer Morte»

© Pro Litteris

Die Kontroverse um Raub und Rückgabe

Kuratorin Mirjam Varadinis hat mit dem Künstler zusammen einen klaren thematischen Parcours geschaffen. Im Zentrum ist die neuste Arbeit platziert: ein Film über die Restitution von Objekten aus westlichen Museen an die Ursprungsländer. In Frankreich hat Präsident Macron angekündigt, geraubte Artefakte zurückzugeben.

Kader Attia lässt Museumsleute, Philosophinnen und Ethnografen aus Afrika, Frankreich und der Schweiz über Objekte, ihre Bedeutung und Rückgabe reden. Kontrovers und ausführlich, 78 Minuten lang. Die Besucherin sitzt derweil in einem Wald voller Skulpturen. Eindrücklich. Wie viele Aspekte hat man noch nie bedacht, wie komplex und wie unterschiedlich sind die Perspektiven und Emotionen! Postkolonialismus betreffe auch die Schweiz, sagt Varadinis. Deshalb organisiert sie im November ein Symposium.

Eingeprägt haben sich diese Sequenzen: Ein Objekt hat eine Seele, eine Bedeutung – welche, das verrieten die Menschen den Besatzern nicht. Diese behändigten die Artefakte und brachten sie als Trophäen, als Zeichen der Macht, nach Hause. Aber wenn der Kriegsgott aus Senegal im Louvre stehe, sei er nur noch totes Material. «Seine Seele, seine Fähigkeiten sind verloren», sagt etwa der Wissenschafter Felwine Sarr aus Senegal.

Kader Attia. Remembering the Future. Kunsthaus Zürich, bis 15. November.