Ein O für ein U vormachen

Von der Ordnung und Unordnung, vom Chaos und Kosmos schreibt der «Mauerläufer», das literarische Jahresheft für die vier Länder am Bodensee, das sich nach dem seltenen Vogel nennt. Auch die zweite Ausgabe ist eine Wortwiese und Augenweide, wie sie selten zu finden ist.

Dieter Langhart
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Bitte ordentlich zusammenfalten: Antonius Conte, «Finisterrae PVC».

Bitte ordentlich zusammenfalten: Antonius Conte, «Finisterrae PVC».

Mehr als eine Seite gross das «O» und das «U», kaum Platz lassend für Katrin Seglitz' Vorwort über «Die Ordnung und ihre Verwandten», über Kosmos und Chaos. Gestalterin Eva Hocke mag die grosse Geste nicht nur zum Auftakt des knapp 200 Seiten starken «Mauerläufers», sie mag sie auch innen, wenn sie Kunstwerke abbildet – nicht als Lückenbüsser zwischen den Texten, sondern als eigenständige Beiträge, die Schlaglichter und Kerzenlichter auf sie werfen, etwa mit dem «Mädchen mit dem Perlenohrgehänge» auf Johanna Walsers Text «Vermeer».

Eva Hocke mag aber ebenso eine dezente, spielerische Gestaltungsvielfalt auf jeder Seite – und sie mag Ordnung: Jedes der fünf Kapitel erhält sein eigenes Kleid. Die Zuordnung der Texte von gut 45 Autoren ist nicht immer nachvollziehbar, aber der «Mauerläufer» will zum Blättern, Stöbern, Entdecken einladen in einer Mischung aus Anthologie, Zeitschrift und Jahrbuch.

Und Gott wollte Ordnung

Das Vorwort, eher Essay denn lapidare Einstiegshilfe, spielt mit den Wörtern, hebt an mit «Sie bekommen einen Orden!» Gemeint ist Gott, der Himmel und Erde getrennt hat und uns nach seinem Bild gemacht hat, darum «mögen auch wir Ordnung». Und ebenso das Chaos auf Schreibtischen, wo «die Erkundung der ausgedehnten Gebiete zwischen Chaos und Ordnung» beginnt. Erkunden wir also.

Erkunden wir zuerst regional, also ostschweizerisch. Gleich der erste Beitrag stammt vom Märstetter Lyriker Hans Gysi: «zettel 1» aus seinem Band «Zettel und Litaneien» (2009): «zettel sind papiere die du verlegt / oder bei der hand hast…». Hinten finden sich zwei weitere Texte Gysis.

Auf Maags «Wichtiger Brief» folgt Minettis «Antwort auf einen wichtigen Brief». Wir kennen die zwei Figuren der St. Galler Autoren Christoph Keller und Heinrich Kuhn – ihre «Stadtgeschichten» mit Maag und Minetti erscheinen derzeit in dieser Zeitung als Vorabdruck.

Über Landkarten fliegen

Der Thurgauer Historiker Stefan Keller erinnert in «Canton Sentis» an seine Kindheit in Birwinken ebenso wie an den Canton zur Zeit der Helvetik und zeigt daneben eine Postkarte von Berg TG – auf der die Sonne von Norden auf den Säntis scheint.

Die Müllheimer Schriftstellerin Zsuzsanna Gahse schildert in «Der Zuschauer weiss etwas» eine Strassenszene in einer nicht bestimmbaren Stadt und unternimmt in «Sehen, Hören» einen Segelflug von südlich der Thur aus und fliegt über Landkarten. Eva Hocke hinterlegt diesen Text mit einem Kartenausschnitt von Hawaii und stellt «Bodenseezimmer» daneben, eine Installation Nataly Hockes – das wirkt ebenso hintergründig-ironisch wie der Stadtplan hinter Stefan Kellers Säntis-Text: ein Stadtplan Berlins nämlich, auf der der Platz der Republik noch Königsplatz heisst.

Jochen Kelter, Schriftsteller und Essayist aus Ermatingen, spricht in einem Brief an Winfried Kretschmann, den Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, die Berufsverbote in den Siebzigerjahren an und druckt auch Kretschmanns Antwort ab, in der lediglich die wissenschaftliche Aufarbeitung des Radikalenerlasses versprochen wird.

Regional – radikal – randständig

In seinem Nachwort bezeichnet Mitherausgeber Kelter das Heft als «quer in der Medienlandschaft» stehend und «mit dem Anspruch, <regional>, also nicht auf die Ballungsräume fixiert» zu agieren, «<radikal> in Themenwahl und Sprache und <randständig> in bezug auf Gruppen und Themen am Rand der öffentlichen Aufmerksamkeit».

Während sich das erste Jahrheft beim Motto «randständig» der Gehörlosen und ihrer Gebärdensprache annahm, fällt die vorliegende Ausgabe diffuser aus. Lediglich eine äusserliche Ordnung geben die fünf Kapitel vor, ihre Überschriften sind Zitate aus einem der Texte. Nur den fünften, «Belgrad ist wie jedes beliebige Oldenburg», haben wir nirgends gefunden, vermuten ihn aber thematisch in «Sehen, Hören». Da steht: «Über dieser schön gefärbten Seenplatte flogen wir dröhnend auf Bregenz zu, und Bregenz sah aus wie auf jeder Landkarte.»

12 Franken. www.mauerlaeufer.org

«Der Säntis liegt im Süden. Auf dem Bild scheint die Sonne von Norden»: Doppelseite aus dem zweiten literarischen Jahrheft «Mauerläufer». (Bilder: pd)

«Der Säntis liegt im Süden. Auf dem Bild scheint die Sonne von Norden»: Doppelseite aus dem zweiten literarischen Jahrheft «Mauerläufer». (Bilder: pd)

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