Ein netter Kerl von nebenan

Manuel Schweizer knallt unsanft von der Kühlerhaube auf den Asphalt oder stürzt als lebende Fackel von einer Brücke – der 27jährige Toggenburger riskiert als Stuntman Kopf und Kragen im «Tatort» und «Der Bestatter».

Hansruedi Kugler
Drucken
Teilen
Würde auch als Mad Max durchgehen: Manuel Schweizer auf seinem Trainings-BMW in der Lütisburger Kiesgrube. (Bild: Benjamin Manser)

Würde auch als Mad Max durchgehen: Manuel Schweizer auf seinem Trainings-BMW in der Lütisburger Kiesgrube. (Bild: Benjamin Manser)

Was ist das für einer, der seinen Wecker auf einen Bündel Dynamitstangen gebunden hat? Ein Attentäter? Ein Adrenalinjunkie? Ein Todessüchtiger? Düster wirkt jedenfalls auch seine Webseite. Aber die Rambo-Pose mit nacktem Oberkörper auf seiner Homepage täuscht: Stunti alias Manuel Schweizer ist ein warmherziger, lebensfroher junger Mann. Einer, der einen Jugendraum im Toggenburg leitet, seinen Götti bei einem Hilfsprojekt in Indien unterstützt und sich am wohlsten im heimischen Turnverein Lütisburg fühlt. Mit einem Satz: Ein netter junger Mann von nebenan. Der Dynamitstangen-Wecker ist bloss eine Attrappe. Schaut man Manuel Schweizer einen Tag lang beim Training zu, wird einem klar, Bewegung und Action sind für ihn vor allem eines: gesteigerte Lebensfreude.

Blaue Flecken gehören dazu

Das Stuntman-Business aber lebt von martialischen Bildern, robusten Helden und grimmigen Gesichtern. Der Look des Dschungelkämpfers spricht da eine eindeutige Sprache, und das Einschussloch oberhalb der rechten Brust auf dem Foto sowieso. Als Stuntman pflegt man das Image eines Indianers – und kennt keinen Schmerz? Denkste: «Blaue Flecken gehören dazu», sagt Manuel Schweizer. Aber Verletzungen sind geschäftsschädigend. Also tut ein Stuntman alles, damit die Knie heil bleiben, die Rippen nicht knacken und es keine Hirnerschütterung gibt. Denn Stuntmen sind in der Regel Freiberufler: Für Training und Stuntvorbereitung zahlt niemand. «Reich wird man nicht. Aber die Gagen für die Drehtage reichen gerade so fürs Leben», sagt er. Voraussetzung: Gesunde Knochen. Und die hat er noch, auch neun Jahre nach dem Beginn seiner Ausbildung, die er in der Stuntman-Schule von René von Gunten in Bern und in Kursen in Kalifornien absolviert hat.

Trainingsgelände Kiesgrube

Seine ersten Stunts fuhr der früh schon sportbegeisterte Manuel Schweizer als Knabe auf seinem Mountainbike in einer Kiesgrube – mal mit, mal ohne Helm. Dazu hat er heute seine persönliche Haltung: «Gelegentlich fahre ich absichtlich ohne Helm. Ich bin dann besonders aufmerksam auf alle Arten von Gefahren», sagt er. «Vollmontur kann zu allzu riskantem Fahrstil verleiten.» Kontrolle ist aber das A und O eines Stuntman. Heute ist die Kiesgrube seines Nachbarn Albin Scherrer 300 Meter oberhalb seines Elternhauses in Lütisburg sein bevorzugtes Trainingsgelände: Hier darf Manuel Schweizer das Präzisionsfahren mit Staubwolken-Produktion üben, hier stürzt er sich Kiesabhänge hinunter, krallt sich mit einer Hand an der Kühlerhaube seines von einem Garagisten gesponserten Trainings-BMW fest, fliegt bei Vollbremsung durch die Luft und rollt auf dem Asphalt aus. Jeans und Pulli verbergen den Protector, die Schutzmontur: Gummipolster an Schultern, Rippen, Rücken, Oberschenkel, Knie, Ellbogen. Albträume hätte er nur beim Auftrag «Beach-Boy wird von Auto angefahren». Nur mit Badehose bekleidet auf dem Asphalt zu landen, «das wäre wirklich nicht schön», sagt er, zieht die Achseln hoch und lacht. Schwarzer Humor gehört zum Business.

Unrealistisch, aber wirkungsvoll

Geht's im Film ans Sterben, braucht's oft einen Stuntman. Im September-Tatort «Sniper» wird Manuel Schweizer von einem Heckenschützen erschossen: Ein tödlicher Gewehrschuss schleudert ihn fünf Meter nach hinten, er landet auf dem Rücken. «Eigentlich unrealistisch, aber sieht wirkungsvoll aus», meint er zu dieser bereits abgedrehten Szene. Richtig getroffen, wäre er einfach zusammengesackt. Aber Film ist Film. Stuntkoordinator Marcel Stucki, von dem er seine Aufträge bekommt, riss ihn beim Einschuss heftig nach hinten: «Das gab ein paar saftige blaue Flecken.» Im «Bestatter» musste er vor einer explodierenden Hütte wegrobben, beschmiert mit Gel, der gegen Feuer schützt. Sind bei diesen Einsätzen vor allem seine Stuntman-Qualitäten gefragt, braucht es bei anderen auch darstellerisches Talent. Und Überwindung: So spielte er in «Akte Grüninger» (2013) jenen Nazi-Grenzsoldaten, der auf einer Rheinbrücke einer flüchtenden Frau in den Rücken schiesst. Für eine glaubwürdige Darstellung wollte Regisseur Alain Gsponer einen Spezialisten. Und fand in Manuel Schweizer einen, der sich in soldatischer Körperhaltung und Umgangsformen auskennt. Der aber vor allem mit Schusswaffen umgehen kann: Als Grenadier bei der Militärpolizei ist Schweizer für militärische Rollen geradezu prädestiniert. In «Achtung, fertig, WK» (2013) spielte er im Rahmen einer Übung gar einen Terroristen.

Die Tricks der Stuntmen

Manche Stunts sehen aus wie sichere Knochenbrecher oder lassen den Stuntman wie einen eisenharten Karatekämpfer wirken. Meist aber helfen ein paar Tricks. Springt einer durch ein Glasfenster, ist dieses erstens Bruchglas und wird zweitens in der Regel kurz vor dem Aufprall via Fernsteuerung zum Bersten gebracht; sprengt einer mit der Schulter eine robuste Türe ein, ist diese ohne Schloss bloss angelehnt; fällt einer aus einem Fenster aufs Autodach, hat der Stuntkoordinator zuvor die Seitenverstrebungen geschwächt, so dass das Dach leicht nachgibt. Weich landet man auch so nicht.

Für einen gelungenen Stunt entscheiden Technik und Stil. Gesucht ist jeweils einKompromiss zwischen Körperschutz und darstellerischer Glaubwürdigkeit: «Wie einMichelin-Männchen darf ich nicht aussehen. Darum wird der Körperschutz auf das Minimum reduziert», sagt Manuel Schweizer. Und: «Wenn ich bei einer Verfolgungsjagd angeschossen von einem Kran fallen muss, soll das nicht aussehen, wie wenn hier eineleganter Turmspringer oder ein Stuntman fällt.» Keine Lust, statt Schauspieler zu doubeln selbst den Filmhelden zu spielen? Nein sagen will er nicht. Aber dafür müsste er nochmals von vorne beginnen: Aufnahmeprüfung, Schauspielschule, Rollensuche. Dazu habe er keine Lust, sagt er. Im Stunt-Business habe er ein professionelles Niveau erreicht. Darauf will er aufbauen und seine Erfahrungen ergänzen: Als Stunt-Koordinator trainiert er Schauspieler, als Experte für Spezialeffekte hat er zum Beispiel für den Kinofilm «Die Wolken von Sils Maria» mit Juliette Binoche und Kristen Steward gearbeitet und seit kurzem ist er auch Filmemacher. Für den Dokumentarfilm «Camino de Santiago» hat er Regie und Kamera geführt. Sein neues Projekt heisst «Alt und knackig». Für diesen Dokumentarfilm begleitet er alte Menschen beim Spitzensport.

Alles ausser Basejumping

Nach Spitzensport tönt auch das Training von Manuel Schweizer: Zum Aufwärmen 1 Kilometer Schwimmen, hundert Liegestütze. Ausser Basejumping («für mich als Fallschirmspringer nicht kontrollierbar») gibt es kaum eine Sportart, die er nicht schon ausgeübt hat. Kampfsport trainiert er bei einem Wattwiler Trainer, er war Snowboardlehrer in Davos und Vizeweltmeister im Bogenschiessen. Fitnessgeräte sucht man bei ihm zu Hause aber vergeblich. Langlauf, Schwimmen, Joggen, Snowboard für die Ausdauer – und eben: Liegestütze für die Kraft – das genüge ihm. Im Frühjahr rächt sich das einStück weit: «Man sieht, ich habe zurzeit sechs Kilogramm zu viel auf den Rippen», sagt er in der Badi Lichtensteig, wo er einst als Bademeister gearbeitet hat. Stimmt: EinSixpack sieht anders aus.

Trotzdem glaubt man, einen coolen Macho vor sich zu haben: Keinen Augenblick Zögern vor der kalten Dusche. Und beim Crawl wirkt Manuel Schweizer schwerelos wie später beim Turmspringen. Dreifachsalto, Rückwärtssalto einfach – da dreht, wirbelt und purzelt er ein ums andere Mal vom 5-Meter-Turm, das 3-Meter-Sprungbrett ächzt unter seinen wuchtig eingesetzten 85 Kilo. Das Turmspringen sei ideales Koordinationstraining, sagt Schweizer. Denn Stürze mit Drehungen gehören für einen Stuntman zum täglichen Brot: Abstützen mit den Händen ist streng verboten, im Kopf müsse man sich wie ein Rad oder wie ein Ball fühlen, das ergebe das perfekte Abrollen.

Mit Bierfässli am Engadiner

Spass bedeutet ihm viel: In jungen Jahren habe er aus Jux und zu Werbezwecken den Engadiner Skimarathon mit einem 5-Liter-Bierfass auf dem Rücken absolviert und mit dem Velo drei Harasse Schützengarten auf die Schwägalp gezogen. Sein auffällig schwarzer VW-Bus mit Matratze kommt nicht nur bei Stuntshows, sondern auch bei privaten Feten zum Einsatz. Und wer hätte das gedacht: Über der breiten Matratze hängen zwei rosa Plastikrosen. Ein romantischer Stuntman? Manuel Schweizer winkt ab: «Das müssen Sie ja nicht unbedingt erwähnen.» Klar muss das erwähnt werden! Hier im beschaulichen Toggenburger Dorf sei er verwurzelt. Deshalb ziehe es ihn nicht nach Hollywood. Als Trainer der Aktivriege des TV Lütisburg hat er sich den Donnerstagabend reserviert. Bleibt noch die obligate Frage nach der Angst. «Nein, alles eine Frage des Trainings und der Vorbereitung», sagt Manuel Schweizer. «Mit dem Handy am Ohr Autofahren ist viel gefährlicher.» Angst hatte allerdings seine Mutter: Aber sie liess ihn gewähren – auch als er während seiner Stunt-Ausbildung vom neun Meter hohen Dach des Elternhauses auf Kartonschachteln sprang, um die Weichheit diverser Kartons zu testen.