Ein Nacktschnägg gibt Gas

Mit links, mit flinkem Kreidestrich macht sich Kathrin Leuenberger bei ihrem Gastspiel im Figurentheater St. Gallen die Welt: Kulissen und Requisiten zum Stück «1+1=Kopfsalat» entstehen im Erzählen. Fabelhaft!

Bettina Kugler
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Weg mit dem Schnägg! Frau Gschwind macht sauber; aber halt… (Bild: pd)

Weg mit dem Schnägg! Frau Gschwind macht sauber; aber halt… (Bild: pd)

ST. GALLEN. Sie hält den Weltrekord im Treppenwischen und achtet pingelig darauf, dass keine Gummistiefel oder nassen Schirme Dreck machen in ihrem wohlgepflegten Hochhaus. Doch beim Salatputzen nimmt es Frau Gschwind nicht so genau; es soll doch gschwind gehen. Schnell-schnell gepostet, packt sie ihn schnell-schnell zu Hause aus und beisst gefrässig hinein – das hätte sie besser nicht gemacht. Denn im Salat hockt Oskar, ein Prachtexemplar von Spanischer Wegschnecke, gerade auf der Suche nach einem neuen Zuhause.

En Guete, Frau Gschwind!

In der Schrebergartenkolonie haben ihn die Kollegen Hausbesitzer geärgert, die Weinbergschnecken und Bänderschnecken; beim nächstbesten Platzregen hat er gemächlich Reissaus genommen und sich irgendwann in diesen schönen Kopfsalat verkrochen. Jetzt also ist Oskar in der Kirschbaumgasse 5, im tiptop sauberen Haus von Frau Gschwind, und möchte bleiben. Bloss das nicht! Sie sieht schon überall Schleimspuren in ihrer schönen Wohnung. Doch Oskar einfach so den Balkon hinunterzuwerfen, bringt sie dann doch nicht übers Herz. Wo sie gerade so schön ins Plaudern gekommen sind.

Kurvenreiches Abenteuer

Von einer kuriosen Freundschaft erzählt das Bieler Figurentheater Lupine im Stück «1+1=Kopfsalat», in einer wunderbaren Mischung aus Tempo und Bedächtigkeit – kein Wunder bei diesen zwei Figuren. Kathrin Leuenberger schlüpft dafür in die schnellen knallroten Stöckelschuhe, mit denen Frau Gschwind eilig übers Pflaster klappert. Lautlos kriecht Oskar herbei, mal als Handpuppe, mal kleiner, mit flinkem Strich auf braunem Grund gezeichnet. Er spricht so genüsslich langsam Bärndütsch, wie er in saftig-grüne Blätter beisst, und kann fest mit der Sympathie seiner kleinen und grossen Zuschauer rechnen. (Auch wenn sich manche vielleicht eher in Frau Gschwind wiedererkennen. Zumindest ein bisschen.) Dabei ist er ein gemeiner Nacktschnägg, igitt!

Zusammengeschweisst werden sie durch die höchst phantasievolle und kurvenreiche Geschichte, die sich Kathrin Leuenberger für das ungleiche Gespann ausgedacht hat. Die Komödiantin und gelernte Dekorateurin erzählt warmherzig und mit Augenzwinkern, nimmt sich ausgiebig Zeit für die Lebensumstände der Frau Gschwind, mit der wir, Hand aufs Herz!, nicht so gern Bekanntschaft machen möchten. Dass sie Oskar lieb gewinnt und sogar mit wechselnden Salatsorten und Walderdbeeren verwöhnt – das immerhin macht Hoffnung.

Wichtigstes Utensil: Die Kreide

So bestehen die beiden, den Eiffelturm treppauf, ein schwindelerregendes Abenteuer. Nur so viel sei verraten: Oskar muss Gas geben. Frau Gschwind danach ein paar Gänge zurückschalten. Das alles entsteht im Moment vor unseren Augen, zu beschwingter Jazzmusik, ohne Requisiten. Wichtigstes Utensil: weisse Kreide. Was Kathrin Leuenberger braucht, zeichnet sie mit links auf farbige Tafeln oder delegiert es an die Kinder. Was fertig erzählt ist, wird weggewischt. Halt, nicht so gschwind!

Weitere Vorstellungen: Sa, 7.11., und So, 8.11., je 14.30 Uhr, Figurentheater St. Gallen