Ein Musiker zwischen den Stühlen

Der Schweizer Komponist Ulrich Gasser ist 65 Jahre alt geworden. Eine guter Zeitpunkt, ihn mit einer Monographie zu würdigen. Klaus Röhring hat sie geschrieben. Man darf das Buch als mustergültiges Beispiel fürs Eintauchen in moderne Musik bezeichnen.

Martin Preisser
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Komponist mit Thurgauer Wurzeln: Ulrich Gasser. (Bild: Martin Preisser)

Komponist mit Thurgauer Wurzeln: Ulrich Gasser. (Bild: Martin Preisser)

Klaus Röhrings Buch über Ulrich Gasser ist nicht nur ein Buch über den Komponisten und sein Werk, sondern oft eine Art Lesebuch darüber, wie Komponieren aussehen und aus welchen Quellen sich musikalische Kreativität speisen kann. Das macht die essayistisch aufgebaute Monographie zu einem Buch, in dem man sich an verschiedenen Stellen festlesen mag und welches wirklich «Appetit» auf die Musik Gassers macht. Ulrich Gasser, 1950 in Weinfelden geboren, ist bis heute stets ein Aussenseiter geblieben, der seinen konsequenten eigenen Weg gegangen ist und sich nie einer Schule oder einem fixen ästhetischen Konzept angeschlossen hat.

Zwischen den Stühlen

Er sei ein Komponist der «Zwischengeneration», einer, der sich «mit tiefem Unbehagen» zwischen die Stühle setze und «nirgends richtig drin» sei. Autor Klaus Röhring sieht dieses Dazwischen-Stehen als Chance, mit der Getrenntes und Gegensätzliches verbunden werden und das Eine im Anderen anwesend, das Eine und Viele gleichzeitig gedacht werden könne. Auf über 330 Seiten rollt der Autor das reiche, vielfältige Œuvre Gassers Werk für Werk auf und macht im Buch mit dem Titel «Die aufgehobene Zeit» mit den verschiedenartigen Inspirationsquellen der Musik Ulrich Gassers vertraut. Das sind Landschaften, das sind Steine, das sind Bildende Kunst und Poesie. Und das ist die starke Hinwendung zu geistlichen und theologischen Themen.

Musikalische Zeit

Ulrich Gasser war viele Jahre im Thurgau verortet, hat am Lehrerseminar Kreuzlingen unterrichtet und war 1992 bis 1999 Präsident des vom ihm mitbegründeten «Forum andere Musik». Auch national hat er sich neben dem Komponieren immer auch kulturpolitisch engagiert, beispielsweise als Präsident des Schweizerischen Tonkünstlervereins. Spannende Einblicke gibt das Buch, in dem auch Freunde und Weggefährten würdigend zu Wort kommen, in Gassers musikalisches Denken, in seine Vorstellung vom musikalischen Zeit-Begriff und in die Prozesse der Werkentstehung. «Das Neue ist bei Gasser oft <nur> eine neue Konstellation von unendlich vorhandenen Möglichkeiten. Der <Wert> der Komposition erscheint als eine Art <Tiefe> oder Tiefgründigkeit. Zeit, die abgelagert zur <aufgehobenen Zeit> wird, dennoch aber immer noch lebendig ist», schreibt Klaus Röhring.

Tiefe Emotionalität

Klaus Röhrings Buch (erschienen im deutschen Musikverlag Wolke) rückt einen im aktuellen, über weite Strecken inflationär gewordenen Musikbetrieb vielleicht zu wenig wahrgenommenen Komponisten ins rechte Licht. Dass es sich lohnt, sich auf die tiefe Emotionalität wie auch auf die handwerkliche Genauigkeit eines jeden Gasser'schen Werks einzulassen, kann man in dieser Monographie auch lesend spüren. Bestnoten für ein engagiertes, mustergültiges Buch über moderne Musik mag man neben dem Autor auch den beiden Frauenfelder Buchgestaltern Susanna Entress und Urs Stuber geben – ihr Layout unterstützt angenehm den essayistischen und Lesebuchcharakter.