Der musikalische Mystiker Joel Vandroogenbroeck ist tot

Der Multiinstrumentalist suchte das Experiment, sei es im Jazz oder im Rock. Nun ist der Gründer der Kultband Brainticket 81-jährig gestorben.

Marc Krebs
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Joel Vandroogenbroeck

Joel Vandroogenbroeck

Bild: PD

Als die «Swinging Sixties» von den «Sophisticated Seventies» abgelöst wurden, lieferte er einen wichtigen Beitrag aus der Schweiz: Joel Vandroogenbroeck. Pianist, Organist, Flötist, Kontrabassist, Sitarspieler. Brainticket hiess seine in Basel gegründete Band, mit ihr traf der gebürtige Belgier 1971 den Nerv der psychedelischen Zeit: Musiker spielten sich darauf in Trance, eine wabernde Hammondorgel traf auf psychedelische Stimmen, angetrieben von einem Dschungel-Groove.

«Cottonwoodhill», das Debütalbum von Brainticket, sorgte international für Aufsehen. Nicht zuletzt aufgrund des cleveren Marketings, warnte die Plattenfirma auf der Hülle doch vor gefährlichem LSD-Sound: «Only listen once a day to this disc. Your brain may be destroyed». Dass das Album in den USA zunächst verboten war, trug ebenso zum Kult bei wie das eindringliche Cover und der Inhalt. Noch Jahrzehnte später gehörte «Cottonwoodhill» für das Musiklexikon ‹All Music Guide› zu den «trippigsten Platten, die je produziert wurden».

Vom wirtschaftlichen Erfolg hatte Joel Vandroogenbroeck nicht viel. «Leider», wie er anmerkte, soll sich das Album über die Jahrzehnte doch eine Million Mal verkauft haben. Wann immer er die Plattenfirma wegen Tantiemen kontaktierte, wurde er abgewimmelt. «Man hat uns regelrecht über den Tisch gezogen», sagte er. Auch deshalb markierte Braintickets Debüt für ihn selber nur eine kurze Episode in einem ereignisreichen Musikerleben. Sein erstes Konzert gab er schon als Kind, vor alliierten Soldaten. Später studierte er klassisches Klavier, flog aber aus dem Brüsseler Konservatorium, weil er es gewagt hatte, Jazz zu spielen. Mit 15 wurde sein talentiertes Spiel mit dem Art Tatum Preis ausgezeichnet, mit 17 ging er erstmals auf Europa-Tour und flog für Konzerte in den Kongo. «Damals war der Kontakt mit den Schwarzen verboten», erinnerte er sich. «Wir hielten uns nicht daran und gingen am ersten Abend raus.» Was er erlebte, war magisch und inspirierte ihn zu «Black Sand», dem populärsten Stück von Brainticket.

Als Sessionmusiker arbeitete er später unter anderem auch für Ennio Morricone und das RAI Orchester. In die Schweiz führte ihn erstmals ein mehrmonatiges Engagement im Basler Atlantis, zu Beginn der 1960er-Jahre. Folgedessen liess er sich hier nieder, entdeckte die Beatles, Jimi Hendrix und King Crimson. «Dass ich Rock-Musiker wurde, goutierten die traditionellen Jazzer nicht», erzählte er. Doch ihn reizten nicht die Stilgrenzen, sondern deren Auflösungen. «Meine Musik wurde nicht von allen verstanden», wusste er und konnte damit leben. Ihm ging es um die Begegnungen, um neue Klänge. Mal kooperierte er mit Tüftlern wie Bruno Spoerri, reiste er zu Studienzwecken nach Bali oder Ägypten, mal einfach nur in seinen Kopf, als «Psychonaut». Der Musiker als Mystiker. Seine Band Brainticket reaktivierte er, als er schon über 70 war, unter anderem für Konzerte in den USA. Da hatte er seinen Lebensmittelpunkt schon nach Mexiko verlegt, wo ihm das Klima besser behagte.

Joel Vandroogenbroeck ist kurz vor Weihnachten im Alter von 81 Jahren verstorben.