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Ein Mensch, der schuldig ist

Vergangenheit Am 9. Mai 1975 wird der Zürcher Werner Philip Sauber auf einem Parkplatz in Köln von der Polizei erschossen. Seine langjährige Lebensgefährtin Ulrike Edschmid erinnert sich in einem faszinierenden Buch an ihre Zeit mit dem Bruder des Rennstallbesitzers Peter Sauber, der vom Kunstfilmer zum Terroristen wurde. Valeria Heintges
Werner Philip Sauber und Ulrike Edschmid waren ein Paar. Dann radikalisiert sich Sauber, erschiesst einen Polizisten und wird selbst von einem Polizisten erschossen... (Bilder: Ulrike Edschmid/Karin Rocholl/Suhrkamp-Verlag)

Werner Philip Sauber und Ulrike Edschmid waren ein Paar. Dann radikalisiert sich Sauber, erschiesst einen Polizisten und wird selbst von einem Polizisten erschossen... (Bilder: Ulrike Edschmid/Karin Rocholl/Suhrkamp-Verlag)

Deutsche Tagesschau, 9. Mai 1975: «Mutmassliche Terroristen haben der Kölner Polizei in den frühen Morgenstunden eine Schiesserei geliefert», sagt der Sprecher. «Auf beiden Seiten gab es einen Toten und einen Schwerverletzten.» Eine Kamera zeigt einen Parkplatz, graue Fliesen, eine weisse Markierung. Darauf die Umrisse eines Menschen. Und Blutspuren.

Als Ulrike Edschmid die Nachricht hört, weiss sie sofort, wer der Tote ist, der einen Polizisten erschossen hat: Werner Sauber, den sie 1967 als Philip Sauber kennenlernt. Sie, die 27jährige Literaturstudentin, alleinerziehend, aus Berlin, und der 20jährige Filmstudent aus Zürich, lernen sich in Berlin kennen und werden ein Paar. 1971 trennen sich ihre Wege: Sie arbeitet als Lehrerin, politisch aktiv, aber in den Grenzen der Legalität, er verschwindet, löscht langsam alle Spuren und geht in den bewaffneten Widerstand.

38 Jahre nach seinem Tod hat Ulrike Edschmid ihre Erinnerungen niedergeschrieben. «Das Verschwinden des Philip S.» ist ein berührendes, zeitweise intimes Buch, das von Liebe erzählt, aber auch von Gewalt und Gefängnis und am Ende von Tod und Terror. Und von einer bewegten Zeit der bundesdeutschen Geschichte, in der auch ein Schweizer, ein Zürcher, seinen Weg suchte.

Aufgewachsen in einer Villa

Edschmid beschreibt Sauber als ernsthaften Menschen, der Unbekümmertheit erst noch lernen muss. «Alles, was er tut, tut er langsam. Und doch treibt ihn eine Eile an, der sein langer Körper nur zögernd folgen will.»

Werner Sauber wächst in einer Villa am Zürichsee auf. Die Eltern sind «Geschäftsleute, die mit dem Bau von Verkehrsampeln sehr reich geworden sind», schreibt Edschmid. «In seinem Elternhaus, hatte er einmal gesagt, wurde keine Bücher gelesen, keine Bilder betrachtet, keine Musik gehört.»

Er besucht das Wirtschaftsgymnasium in Zürich-Enge, weil es der Vater so will, «der wenigstens den zweiten Sohn zum Nachfolger für das Unternehmen heranziehen wollte, wenn schon der erste ausgebrochen war, um Rennfahrer zu werden». Nach seinem Tod wird der Sohn in Zürich begraben, aber sein Name taucht in der Familiengeschichte nicht mehr auf. Peter Sauber, Formel-1-Rennstallbesitzer, erwähnt in Interviews den zweiten Bruder. Werner erwähnt er nicht.

Raus aus dem Elternhaus

Werner Saubers Übersiedeln nach Berlin ist auch ein Ausbrechen aus der puritanischen Strenge des Elternhauses. Doch er wirkt wie ein Fremdling in Berlin, dieser brodelnden Stadt der 60er-, 70er-Jahre. Statt einer politischen Antwort sucht Philip, wie er sich jetzt nennt, eine neue Ästhetik. Dreht seinen einzigen Film «Der einsame Wanderer», «der ihn überleben wird und den niemand versteht». Der Vietnam-Krieg kommt darin nicht vor, die Studentenunruhen auch nicht. Stattdessen eine Villa im Nebel am Ufer der Havel, einsame Menschen, eine fragmentarische Geschichte. Der Tontechniker, ebenfalls Schweizer, beschimpft ihn als «bourgeoisen Perfektionisten und Dandy».

Das Buch «Das Verschwinden des Philips S.» beleuchtet die Zeit der Notstandsgesetze, des Terrors der Roten-Armee-Fraktion (RAF) auf eine ganz eigene, um grösstmögliche Objektivität bemühte, aber letztlich doch radikal subjektive Weise. Ulrike Edschmid, Autorin mehrerer Bücher über die Zeit, schont nicht Philip S., wie sie ihn nennt, auch nicht sich selbst. Sie verleugnet die Liebe nicht, die sie einst verband, sie schämt sich auch nicht dafür. Dennoch spürt man aus ihren Zeilen, wie sie mit den Worten ringt, die Erinnerungen aus sich herauspresst, den Raum der Sprachlosigkeit möglichst klein halten will.

Doch er ist immer da, dieser letztlich unerklärbare, nicht erreichbare Kern eines Menschen. Und ja: Wohl auch der Wunsch, im Zweifel für den Angeklagten, für Philip Sauber zu sprechen. Edschmid wäscht ihn nicht rein, schreibt ohne Schaum vor dem Mund mit dem Abstand von 38 Jahren.

Für ein Gespräch stand Ulrike Edschmid unserer Zeitung nicht zur Verfügung: «Sie ist momentan an einer Kehlkopfentzündung erkrankt und kann nicht sprechen», schreibt die Pressesprecherin in einem E-Mail. Die Lesetour durch Deutschland fordert ihren Tribut. Eine Kollegin vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) hatte mehr Glück: Ihr Fernsehbeitrag zeigt eine 72jährige Frau, volles silbergraues Haar, kleine Perlenohrringe, knallroter Lippenstift. Ein sympathisches Gesicht, das sein Alter nicht leugnet und in dem jede Falte von Erinnerung erzählt. «Er wusste sehr genau, was er wollte», sagt Ulrike Edschmid mit eher hoher Stimme, aber voller Nachdruck, «sowohl im Künstlerischen, als auch im Zusammenleben mit mir.»

Edschmid war lange an Saubers Seite, gemeinsam gehen sie an Demonstrationen, an Proteste. Denn nach dem Tod des Studentenführers Rudolf Dutschke gibt auch Sauber seinen Zuschauerposten auf, wird politisch wacher und kämpferisch. Er kauft eine «Militärjacke mit vielen Taschen, die für Steine vorgesehen sind», schreibt Edschmid.

Er plant sein Verschwinden

Er wird mit 17 anderen Studenten von der Filmakademie verwiesen, landet das erste Mal im Gefängnis, kommt wieder frei. Sein Geld verdient er sich jetzt als Taxifahrer, knüpft Kontakte zu Arbeiter- und Kampfgruppen. «Es ist die Zeit, in der aus seiner Sprache die letzte Erinnerung an die Schweiz von einem leichten Berliner Akzent verdrängt wird.»

Als die Amerikaner 1970 in Kambodscha einmarschieren, werfen sie Seite an Seite Pflastersteine und Brandflaschen auf die amerikanische Botschaft. Nur zufällig entgehen sie der Verhaftung, Freunde, Mitbewohner aber nicht. Fortan durchsucht Polizisten regelmässig die gemeinsame Wohnung. Die halten ihrem Mitbewohner «H.», der sich unschwer als Holger Meins identifizieren lässt, «die Waffe an die Schläfe», suchen auch Ulrike Meinhof – beide werden heute zum innersten Kreis der RAF gezählt.

Dann kommt der Verdacht auf, Edschmid und Sauber hätten eine Bombe unter ein Polizeiauto geworfen. Für diese Tat, die sie nicht begangen haben, landen sie im Gefängnis. Zwei Monate. Von da an gibt es die Zeit vor dem Gefängnis und die Zeit danach.

Endgültig merkt Edschmid nun, dass sie die Verantwortung für ihr Kind vor der Gewalt und der Illegalität abhält. «Meine Gedanken reichen nur bis zu meinem kleinen Sohn», schreibt sie. Während Sauber sagt, dass «man bereit sein müsse, sich von seinen eigenen Kindern zu trennen, wenn man eine bessere Welt für alle schaffen wolle».

Sie suchen den Neubeginn, doch die Kluft ist zu gross geworden. «Er plant seine Unauffälligkeit, wie er einmal seine Auffälligkeit geplant hat.» Er entzieht sich dem gemeinsamen Leben, vernichtet Fotos, kündigt Freundschaften. Die Beziehung zerbricht. Sie schafft es nicht mehr, ihn nach dem Warum zu fragen.

Banküberfälle, gefälschte Pässe

Die Sprachlosigkeit wird immer spürbarer. Nüchtern schreibt Edschmid auf, was sie über seine Zeit im Untergrund weiss. Es ist nicht viel: kämpferische Aufsätze, Verbindungen nach Italien, Banküberfälle, gefälschte Pässe. Dann der Tod auf dem Parkplatz. Er sei auf der Flucht gewesen, habe in Notwehr den Polizisten erschossen, wie sie sagt. Sei von Schüssen der Polizei durchsiebt worden. Ob das stimmt? Seine beiden Gefährten überleben und werden später freigesprochen. «Es ist keine Geschichte eines unschuldig erschossenen Menschen», sagt die 73jährige Edschmid in die Kamera. «Sondern die eines Menschen, der schuldig geworden ist.»

Ulrike Edschmid: Das Verschwinden des Philip S., Suhrkamp 2013, 157 S., Fr. 22.90

philip werner sauber ulrike edschmid focus valeria heintges

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…40 Jahre später schreibt Ulrike Edschmid ihre Erinnerungen daran auf. (Bild: ullstein)

…40 Jahre später schreibt Ulrike Edschmid ihre Erinnerungen daran auf. (Bild: ullstein)

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