Ein Meister aller Klassen

Der britische Schauspieler Christopher Lee, berühmt geworden in seiner Rolle als Graf Dracula, ist tot. Sir Christopher adelte das Triviale durch einen Überschuss an Hochkultur. Und schuf so moderne Mythen.

Daniel Kothenschulte
Merken
Drucken
Teilen
Der britische Schauspieler Christopher Lee spielt im ersten Teil der Fantasy-Triologie 'Herr der Ringe" den Zauberer Saruman. Lee, der zahlreiche Filmboesewichte gemimt hat, bedauert am meisten, 'kein Opernsaenger geworden zu sein", wie der 79-Jaehrige der Wochenzeitung 'Die Zeit" sagte, laut einer Meldung vom Dienstag, 18. Dez. 2001. (AP Photo/Warnerbros/HO) (Bild: (AP WARNERBROS))

Der britische Schauspieler Christopher Lee spielt im ersten Teil der Fantasy-Triologie 'Herr der Ringe" den Zauberer Saruman. Lee, der zahlreiche Filmboesewichte gemimt hat, bedauert am meisten, 'kein Opernsaenger geworden zu sein", wie der 79-Jaehrige der Wochenzeitung 'Die Zeit" sagte, laut einer Meldung vom Dienstag, 18. Dez. 2001. (AP Photo/Warnerbros/HO) (Bild: (AP WARNERBROS))

Er wurde berühmt als Gentleman-Vampir, wobei er ersteren nicht zu spielen brauchte. Wenn man Christopher Lee in seinen späten Jahren begegnete, bei einer Ehrung oder einer Gala, gingen die Gagen in der Regel gleich an Unicef. So hatte er einen Weg gefunden, das dem Horrorkino so oft zugeordnete Wort «Exploitation» (Ausbeutung) doch noch ins Positive zu wenden. Wenn man also schon nicht aufhören wollte, ihn auf jenen Blutsauger anzusprechen, der ihn 1958 weltbekannt gemacht hatte und den er schon lange nicht mehr spielen wollte – dann wenigstens für einen guten Zweck. Im Jahre 2009 wurde er für seine künstlerischen und caritativen Leistungen in den Ritterstand erhoben.

Gieriger als Dracula

Zugleich fand er in der Wohltätigkeit auch einen weiteren Anlass, noch mit über neunzig das zu tun, was er immer am liebsten getan hatte: ein Publikum zu unterhalten und zugleich diskret zu belehren. Über die Schönheiten des Theaters und der klassischen Musik, besonders nachdrücklich über die Ungerechtigkeiten in der Welt.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mitten in der Finanzkrise 2008. «Das ganze Problem wurde ausgelöst von gierigen jungen Bankern», empörte sich der Star. «Sie wissen schon, das sind diese Leute, die ständig prahlen: <Ich habe einen Maserati, was hast Du, einen Ferrari? Ach nein, einen Bentley, so so...> Diesen Menschen fehlt jede Form von Verantwortung. Ich habe in meiner ganzen Karriere nie eine Figur gespielt, die so böse gewesen wäre wie das, was diese Menschen getan haben. Nicht nur in Amerika oder Grossbritannien: Alles lässt sich auf diesen Menschenschlag der jungen, gierigen Banker zurückführen.»

«Frankenstein» und «Mumie»

Und welche Schurken hat er nicht eindringlich verkörpert? Aus «Dracula» machte er einen distinguierten Nobelmann mit Sex-Appeal, so charismatisch, dass er Bela Lugosis betont schmierige Hollywood-Performance in der Rolle förmlich auslöschte. Man kann es bis heute überall auf der Welt beobachten: Wer sich Vampirzähne einsetzt und in die Rolle des Transsilvaniers schlüpft, spielt unwillkürlich Christopher Lee.

Noch vor «Dracula» hatte sich Lee unter Regisseur Terence Fisher erfolgreich an einer weiteren Ikone der alten Universal-Horrorstreifen versucht: Frankensteins Monster. Anstatt den grossen Boris Karloff zu imitieren, brillierte Lee eigenständig als schockierend-geschundene Kreatur. Auch Karloffs markante Filmfigur der «Mumie» eroberte sich Christopher Lee in einer der britischen «Hammer»-Produktionen.

Vielfältigster Genre-Darsteller

In seiner Fähigkeit, das vermeintlich Triviale durch einen Überschuss an hochkulturellem Input zu veredeln, konnte ihm wohl nur Orson Welles das Wasser reichen. Nicht nur die markante Bassstimme verband ihn mit dem amerikanischen Filmkünstler und Zeremonienmeister. 1955 spielte Lee unter Welles' Regie im heute leider verschollenen Fernsehspiel «Moby Dick Rehearsed». Sah man ihn dann als überzeugenden Sherlock Holmes in «Der Hund von Baskerville», musste bereits 1958 festgestanden haben: In Christopher Lee hatte die Filmwelt den vielfältigsten Genre-Darsteller der zweiten Jahrhunderthälfte hervorgebracht.

Eine Kostbarkeit im Billigwerk

Fast wäre bald darauf eine weitere ikonische Rolle dazugekommen. Auf Betreiben eines prominenten Onkels, des Bond-Autors Ian Fleming. «Er wollte, dass ich Dr. No spiele», bestätigte Lee im Gespräch. «Doch als er es den Produzenten vorschlug, war es leider zu spät, und jemand anderer bekam die Rolle.»

Lee liess sich nicht entmutigen und war sich nicht zu schade, sein Talent obskursten Produkten zugute kommen zu lassen. Vor allem in den 1960er- und frühen 70er-Jahren gehörte er zum wenigen Kostbaren, was europäische Billigproduktionen zu bieten hatten. Eine enge Zusammenarbeit verband ihn mit dem spanischen Trash-Virtuosen Jess Franco («De Sade 70»). «Er war ein viel besserer Regisseur, als man es ihm gemeinhin zutraute», verriet Lee, um hinzuzufügen: «Nun ja, er machte auch etwas seltsame Filme, wie man mir erzählt.»

Bond, «Star Wars», ein Geheimtip

Seltsame Dinge machte auch Sir Christopher. Mit grösster Begeisterung schmetterte der ausgebildete Opernsänger in den letzten Jahren Rock-Arien auf Tonträger – als Gaststar der italienischen Band Rhapsody of Fire, einer kruden Mischung aus Metal und Klassik.

Markante Nebenrollen reichten Lee, um sich in die populärsten aller Filmserien einzuschreiben. Als Bond-Bösewicht in «Der Mann mit dem goldenen Colt», als Count Dooku in den späteren «Star Wars»-Filmen, als Zauberer Saruman in Peter Jacksons Tolkien-Epen. Doch kein Film war ihm lieber als ein Autorenfilm aus Grossbritannien. In Robin Hardys gesellschaftskritischem Horrorfilm «The Wicker Man» spielt Lee einen modernen Schamanen im karierten Sakko. Noch immer ein Geheimtip, hat seine Darstellung eines charismatischen Menschenfängers nichts von seiner Aktualität verloren.

Bewunderer Tim Burton

Unter den grossen Regisseuren der Gegenwart war wohl Tim Burton Christopher Lees leidenschaftlichster Bewunderer, der ihn unter anderem als Dr. Wonka in «Charlie und die Schokoladenfabrik» besetzte. «Man kann die Menschen nicht vergleichen», sagte Lee, auf die Künstlerfreundschaft angesprochen. «Wie könnte man John Huston, Nicholas Ray, Steven Spielberg. Peter Jackson oder George Lucas und Tim Burton miteinander vergleichen?»

Bereits am Sonntag ist Christopher Lee, wie seine Witwe gestern bekanntgab, 93jährig in einem Londoner Krankenhaus gestorben.

FILE- In this file photo dated Friday March 5, 2010, British actor Sir Christopher Lee is photographed before his interview with APTN, at the AP office in north London. Christopher Lee, the prolific, aristocratic British actor who brought dramatic gravitas to the low-budget thrills of Hammer Studios' 1950s and 1960s horror films and to the more recent "The Lord of the Rings" trilogy and two of George Lucas' "Star Wars" prequels, has died at age 93, the Royal Borough of Kensington and Chelsea in London confirmed a death certificate was issued for Lee on June 8. (AP Photo/Joel Ryan) (Bild: Joel Ryan (AP))

FILE- In this file photo dated Friday March 5, 2010, British actor Sir Christopher Lee is photographed before his interview with APTN, at the AP office in north London. Christopher Lee, the prolific, aristocratic British actor who brought dramatic gravitas to the low-budget thrills of Hammer Studios' 1950s and 1960s horror films and to the more recent "The Lord of the Rings" trilogy and two of George Lucas' "Star Wars" prequels, has died at age 93, the Royal Borough of Kensington and Chelsea in London confirmed a death certificate was issued for Lee on June 8. (AP Photo/Joel Ryan) (Bild: Joel Ryan (AP))

Legende (Bilder: ap, getty)

Legende (Bilder: ap, getty)